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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 542

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Ernst Gagliardi, Bismarcks Entlassung [Rezension]
Date
1927-12-01
Page
542 (sequence 2)
Language
German
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Adam Röder mäßig mehr anspricht, wie Gagliardis nüchternes Urteil. Es gibt zwar keinen zuständigen Deutschen mehr, der Bismarcks Politik, die innere, wie die äußere, als sittlich fundiert anerkennen würde. Der erste Kanzler des Reichs hat Ungewöhnliches, oft Unerhörtes geleistet, sein Genie hat ihn und unser Volk auf eine beispiellose Höhe der politischen Entwicklung und des politischen Erfolges gehoben, aber in der Tatsache des Weltkriegs und seines Ausgangs liegt ein Richterspruch, der nicht übersehen werden kann. Und zum Verstehen dieses Richterspruchs führt Gagliardis Buch behutsam, aber sicher und überzeugend. Im Mittelpunkt der Kontroverse: Bismarck-Kaiser Wilhelm steht die Sozialreform und Gagliardi läßt kein Notizchen, keine Zeitungsnachricht, keinen Anlauf zu irgend einer Kabale mit Waldersee als verantwortlichem Autor, unberücksichtigt, um den ganzen Konflikt in psychologischer Tiefe und Breite darzustellen. Aber wir müssen die seltsame Entdeckung machen — Gagliardi vermittelt sie nicht mit einem Frontalangriff der Polemik — daß bei beiden Akteuren in der ganzen Auseinandersetzung echter sittlicher Ernst das Leitmotiv nicht gewesen ist! Diese Feststellung ist betrüblich. Bei Bismarck und dem Kaiser hat sich's immer wieder um Macht-Politik, um persönliche Rivalität gehandelt. Hier der alte Recke, der es als unstatthaft empfand, daß ein junger Mann die Politik besser verstehen will als er, dort der eingebildete, vom Größenwahn beherrschte Monarch, der es durchsetzen will, daß des Königs Wille Gesetz sei. Auch hier die Nemesis der Weltgeschichte. Hat nicht Bismarck seine weitausholende Politik seil 1847 auf die These festgelegt, daß der preußische König selbst regiere, nichts nach Ministern und nichts nach Majoritäten zu fragen habe? Jetzt wandte sich dies Schlagwort einer abgelebten Tyrannis gegen den gewaltigen Autor. Es ist erschütternd, die Stadien dieses Vergeltungsprozesses in den Temperamentsausbrüchen des Eisernen mitzuerleben. Die Geister, die er rief, wurde er nicht los. Will unsre Zeit daraus etwas lernen? Will sie begreifen, daß jede einseitige Machtpolitik sich rächt? daß „Blut und Eisen" keine loyalen Mittel irgend einer Politik, auch nicht der auswärtigen, sind? Daß nur die Ethisierung aller politischen Machtmittel Fortschritt und Frieden verbürgt? Generäle und Gasbomben sind keine Exponenten der Kultur. Sie mögen vorübergehend zum Erfolg führen, aber eine Dauerwirkung ist ihnen nicht beschieden. Bismarcks Leistung ist phänomenal, aber im Prinzip falsch eingestellt; und darum ist er kein Genie im eminenten Sinn des Worts; denn das Genie erzeugt neue Ideen und schöpft aus der Metaphysik des Gedanklichen neue umbauende Kräfte. Bismarck hat die alte Staatskunst zu einer die Augen blendenden Höhe erhoben und die animalischen Instinkte mit der höchsten und letzten Dominante der Erfolgsmöglichkeit versehen. Aber er ist trotz aller Genialität doch nur der Staatsmann einer absterbenden Epoche. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß sein kaiserlicher Gegenspieler auch nur irgendeine Fähigkeit gezeigt hätte, die ihm den Ruhm eines fortschrittlichen Politikers zusicherte. Auch Wilhelm II. war durchaus Militarist und Machtpoliliker, und darum wäre es seine Aufgabe 542

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