Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Prinzipelle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 538 (sequence 12)
- Language
- German
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W. Michel der Judenheit die Nationalität der in diesen Ländern herrschenden Mehrheitsvölker" annähmen, so ist es gewiß noch eine weit schlimmere Fiktion, den Nationalzusammenhang aller Juden als etwas Intaktes und Effektives und wohl gar „orientalisch" Charakterisiertes zu betrachten. Die zionistische Ideologie — ich will damit nicht an den Zionismus als solchen rühren — bezeichnet das Leben der Juden unter den andern Völkern als eine Art Gespensterdasein. Aber was kann gespenstischer sein als ein Leben gegen die konkreten Faktoren der Umwelt, die unauflöslich mit unserer Wirklichkeit verbunden sind? Ein Leben im Wartesaal, ein uneigentliches, flaues und fabriziertes Dasein, ohne Entspannung, ohne Arglosigkeit, ohne eine gerade Beziehung zur Sonne, die über unsern Häuptern steht, ein ironisches, gebrochenes skeptisches Leben in lauter Vorbehalten, ein Leben, bei dem man vielleicht ein seelloses Erwerbsgeschäft betreiben, aber ganz gewiß nicht geistig gedeihen kann. Geist und Leben wollen ausgreifen. Sie brauchen Raum und Arglosigkeit und direkte Beziehung, der ironische Vorbehalt erwürgt sie. Die Berufung auf das echte Leben kehrt sich von dieser Seite her gegen die nationalistische Grundthese, statt sie zu unterstützen. Wir kennen das von unserm eigenen Nationalismus her, und wir gedenken nicht umzulernen vor einem fremden Nationalismus, der noch nicht viel Schaden stiften konnte, weil er bisher nur wenig in die Wirklichkeit eingriff. Es gibt gewiß auch eine schlechte, opportunistische Assimilation, eine Assimilation aus minderwertigen, verwerflichen Motiven. Man muß aber von den Menschen und ihrem geschichtlichen Leben sehr wenig verstehen, um zu verkennen, daß das gegen die Grundidee nicht das Geringste beweist Gott kann Mode werden so gut wie Satan, an das Höchste können sich die niedrigsten Motive hängen, und wenn es opportunistische Assimilanten gibt, so gibt es unzweifelhaft auch ebenso viele opportunistische Nationalisten; dafür haben die europäischen Patriotismen eine erdrückende Fülle von Beispielen geliefert Wären also die Fälle opportunistischer Angleichung auch noch so zahlreich, sie würden in keiner Weise den lebendigen, ideenhaften Wert der auf konkretes Dasein gerichteten Angleichungstendenz herabdrücken. Zwar kehrt sich eine mächtige antiliberale Zeitströmung gegen sie; eben jene Zeitströmung, der auch der jüdische Nationalismus sein Dasein verdankt (was man nicht mit Unrecht ebenfalls eine „Assimilation" genannt hat). Aber welch ein barbarischer Wahnwitz läge darin, wenn man verkennen wollte, daß die 53$