Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Prinzipelle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 537 (sequence 11)
- Language
- German
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Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift mit keiner Lage, in die jemals ein Volk geriet, zu vergleichen. Handelte es sich bloß um ein Verstehen, nichts wäre leichter zu verstehen, als dieser jüdische Nationalismus, in dem .der verehrungswürdige, ja heilige Trieb wirkt, irdische Verfestigung in wirklichem Land und Volk zu gewinnen. Was Seele ist, sehnt sich nach Erde. Die alten Verheißungen, die Überlieferungen winken, die höchste Autorität, die sich denken läßt, die göttliche, gesellt sich hinzu mit vielen Worten, die nach Zion deuten und dem Volke zu sagen scheinen: Hier und nirgends anders mußt du deine Verwirklichung suchen. Auch der Nichtjude wird zu Zeiten die unaussprechliche Stärke aller der Momente empfinden, die zu einem national-jüdischen Volksgefühl wirken.1) Aber Gott spricht nicht nur in diesem Trieb zur eigenwüchsigen Verfestigung, er spricht auch in der Geschichte und in dem Trieb zur Teilnahme und Hingabe. Der jüdische Nationalismus streitet der Assimilation die Idee ab. Als ob das keine Idee Wäre, was sich als ebenso erstgeborene Tendenz neben die Tendenz zur radikalen Verdichtung stellt, nämlich die Tendenz zum gegenwärtigen wirklichen Leben, zur Teilnahme an Umwelt und Mitwelt, diese große Tendenz, der sich kein Geschöpf entzieht, sofern es überhaupt Leben in sich hat, weil sie ganz einfach zu seiner Wirklichkeit gehört Jedes Tier, jede Pflanze entspricht der Landschaft, in der es lebt Zusammenwohnen bringt Ähnlichkeiten hervor, zeichnet Gesichter und Charaktere um. Probleme, die sich unter der heißen Zone stellen, existieren für die gemäßigte nicht, und umgekehrt Wer deutsch spricht, übernimmt, eben dadurch Fragen, die es außerhalb des deutschen Sprachgebietes nicht gibt Der Bergmensch und der Steppenmensch, der Küstenmensch und der Binnenlandmensch, sie stehen nach entscheidenden Seiten hin verschieden im Leben. Kind der Zeit, Kind des Ortes, in tausend mächtige Beziehungen zu realen Faktoren seiner Umwelt verschlungen, lebt der Mensch in gewaltiger Symbiose mit gegenwärtigen Dingen und Geschöpfen. Ja, es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich in einer Zeit, die ganz besonders auf die Beachtung der großen konkreten Zusammenhänge gerichtet ist, noch weiteres zu diesem Punkte sagen. All dies heißt, auf unsernFall angewendet, daß die Assimilationsbewegung in ihrem Kerne Lebensfrömmigkeit ist, und wenn der Nationalismus es als eine Fiktion bezeichnet, daß „die in verschiedene Länder versprengten Teile *) Auch negative Momente wirken dabei mit: mancher mag schon deshalb der nationalistischen Grundthese verfallen sein, um wenigstens für sein Gefühl den Druck des Antisemitismus Joszuwerden. 35 537