Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Prinzipelle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 539 (sequence 13)
- Language
- German
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Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift Menschheit doch nur deshalb lebt, weil sich den antiliberalen, den antihumanen Strömungen immer wieder die Idee der Humanität, des Friedens und der Menschheit entgegengestellt hat! Mögen heute Menschen, durch deren Seele nie ein wahrer Friedensgedanke ging, in tausendfachem Chor die billigen Anwürfe gegen den Liberalismus wiederholen: nur dem Liberalismus und den großen Gedanken, die ihm, wenn auch nicht immer vollwertig vertreten, zugrunde liegen, ist es zu danken, daß die Dämonie der Trennungen samt ihren wölfischen Leidenschaften die Menschheit nicht schon längst zersprengt hat. Es ist gewiß nichts dagegen zu sagen, daß die Menschen und die Völker sich zu Zeiten auf die dunklen, auf die gründenden und mythischen Kräfte ihres Daseins besinnen. Aber genau wie im Einzelmenschen an die in der Tiefe führenden Leidenschaften der Geist gebunden ist als das unentbehrliche zweite Spaltprodukt der ursprünglichen paradiesischen Einheit, genau so muß im geschichtlichen Leben neben den mythischen Kräften, die auf Entzweiung drängen, die Kraft der höheren Sphären wirksam bleiben, um das Notwendige an Frieden und seiendem Leben zu stiften. Als jüngst auf der Heidelberger Kulturbund-Tagung Vertreter mehrerer Nationen im Sinne der dämcnisch-mythischen Geschichts-Auffassung gesprochen hatten, erhob sich Alfred Weber zu einer gewichtigen Warnung. Wollte jedes Volk, das war sein Kerngedanke, seine Geschichte „mythologisch" nehmen, dann würde Europa sich bald in einen Löwenkäfig verwandeln, in dem es nur eine wechselseitige Zerfleischung der darin eingesperrten Bestien geben könne. — Wir kommen nicht über die Tatsache hinweg, daß ein nach Spenglerischer Vorstellung auf „Blut" gestelltes, radikal ent-geistetes Völkerleben kein menschliches, sondern ein untermenschliches, ja sogar ein unter-tierisches Leben wäre. Denn das tierische Leben steht unter der Führung des Instinkts, in dem das, was sich beim Menschen in Geist und Seele gespalten hat, unartikuliert und anonym zusammen wirkt Der Mensch aber, der sich des Geistes begibt, tritt damit nicht unter die Führung des Instinkts, sondern unter die Führung völlig ungemeisterter Chaoskräfte, die ewig nur Chaos bewirken können. Er gerät aus dem Menschenbezirk heraus. Diese Wahrheit ist es, die der Humanitätsgedanke verteidigt. Und wenn, wie wir fest glauben, die Assimilationstendenz mit dem Gedanken der Humanität in engster Verbindung steht, so ergibt sich daraus für sie eine Würde, die 35« 539