Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Prinzipelle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
Date
1927-12-01
Page
535 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895473-2898320--02353-2898427
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Prinzipielle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift so müßt* der Jude die erslere der letzteren zum Opfer bringen''. Ich habe nach diesem Konditionalsatz einen anderen Satz gesucht, der Hans Kohns Antwort auf dieses „Wäre es wahr" enthalten hätte. Ich habe keinen gefunden. Und doch scheint mir nichts wichtiger als diese Antwort. Sie müßte nämlich lauten: Ja, es ist wahr, daß die Emanzipation der .luden im Exil unvereinbar ist mit der jüdischen Nationalität, wie sie von gewissen zionistischen Gruppen verstanden wird. Dieser wesentliche Punkt darf nicht in der Ungewißheit eines zaghaften Konditionalsatzes schwebend bleiben: am allerwenigsten in einem Buche, das mit der Assimilationstendenz so hart umgeht Wenn die These der jüdischen Nationalisten zu Recht besteht, wenn es wahr ist, daß die Juden über alle Staaten hinweg eine wahre Nation bilden und daß für sie der jüdische Zusammenhang jeder anderen Bindung bei weitem vorangeht, dann ist es eine geradezu banale Selbstverständlichkeit, daß eine wahre Gleichberechtigung für sie nicht mehr gefordert, ja nicht einmal von ihnen selbst beansprucht werden kann. Dann darf kein Jude Diplomat oder Offizier, Minister oder Staatsbeamter überhaupt werden. Dann darf kein Jude Lehrer oder Redakteur, Richter oder Anwalt sein; am allerwenigsten politischer Führer. Dann muß er sich selber (denn dieses „Nicht dürfen" fällt ohne weiteres mit einem inneren „Nicht können" zusammen) von jeder Betätigung ausschließen, die ihrer Natur nach voraussetzt, daß der Mensch zu ihr nicht nur eine negative lederne Korrektheit mitbringe, sondern ein Denken und Fühlen aus dem Nerv des Ganzen heraus. Ich traue der Entschlossenheit und dem Scharfsinn der Nationalisten, wenigstens der Führer, ohne weiteres zu, daß sie diese Konsequenzen selbst zu ziehen wissen. Aber ich halte es für eine Unterlassung, daß sie nicht offen ausgesprochen werden. Diese Konsequenzen besagen, daß die ganze Epoche der Emanzipation ausgestrichen und in die Zeit vor ihrem Beginn zurückgegangen wird. Zwar verspricht sich das Buch, über das wir reden, von einer „reinlichen Scheidung" zwischen Juden und Nichtjuden das Ergebnis, daß beide Teile dann „besser und ehrlicher miteinander leben und auch in einem gewissen Sinne mehr für einander leisten können". Ich will nicht bestreiten, daß dies für schmale Edelschichten auf beiden Seiten Wirklichkeit werden könnte. Aber es heißt doch die Naturgeschichte menschlicher Leidenschaften total ignorieren, wenn man einen Augenblick darüber in Zweifel sein kann, daß sie, soweit die große Zahl in Frage kommt, das Stichwort der Trennung mit wilder Freude aufnehmen und von da aus Unheil 535

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.