Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Prinzipelle Bemerkungen zu einer zionistischen Schrift [Rezension]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 534 (sequence 8)
- Language
- German
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W. Miche) den andern Völkern leben können. An anderer Stelle wird ausdrücklich bestritten, daß „die in verschiedene Länder versprengten Teile der Judenheit die ^Nationalität' der in diesen Ländern herrschenden Mehrheitsvölker annehmen", d. h. der Glaube, daß dies möglich sei, wird als „eine Fiktion schlimmster Art" bezeichnet Ebenso stark wie diese direkten Äußerungen drücken die indirekten die Grundthese aus, die hier in Rede steht Vor allem die ständige Erklärung oder ich muß doch schon sagen: Herabsetzung der „Assimilation" als „Opportunismus", d. i. als einer niedrigen Zweckmaßnahme, die im Gegensatz zu einer höheren Pflicht und Tatsache steht Und hier ist ein Punkt wo mein Staunen einsetzt, i. darüber, daß der jüdische Nationalismus es wagen darf (und daß er es nötig zu haben glaubt) die Assimilationstendenz fast ausschließlich mit der Eselsansicht „ubi bene ibi patria" zu erklären, 2. darüber, daß über diese Frage nicht schon längst Krieg ausgebrochen ist, Krieg ohne Schonung und Vertuschung, ohne jene opportunistische Glimpflichkeit, von der ich auch in diesem nationalistischen Buche Proben zu finden glaube. Fast ausschließlich, wurde gesagt, erklärt das vorliegende Buch die Assimilation auf opportunistische Weise. Denn an einer einzigen Stelle meldet sich auch eine tiefere Einsicht zum Wort. In dem Aufsatz „Die dritte Front" (von Weltsch) wird zugegeben, daß es „übermächtige Gewalten" sind, gegen die sich der jüdische Nationalismus richtet, und es wird gesagt: „Das Leben ist eine stärkere Wirklichkeit und von allen Seiten wirkt es unmerklich und unbemerkt gegen unser lebendiges Judentum". Von hier aus könnte der Blick auf die große Idee der unmittelbaren Lebendigkeit, der Schicksalsfrömmigkeit und des Gehorsams gegen das Grotteswort in der Geschichte frei werden, die die Idee der „Assimilation" ist, wenn nicht schon in diesem Zugeständnis, wie der Ausdruck „lebendiges Judentum" zeigt, der Wille zum Widerstreben gegen diese lebensvolle Schicksalsfrömmigkeit eingeschlossen wäre. Im entscheidenden Punkt bleibt nationalistische Auffassung, daß die Assimilationstendenz keine Idee hat. keine Zukunft und kein Morgen, daß sie nichts ist als Verfall und Opportunismus. Ehe ich auf diesen Punkt eingehe, muß aber erst die Folgerung aus der oben behandelten nationalistischen Grundthese gezogen werden. Hans Kohn führt am Schluß seines Aufsatzes über Moses Heß einen Ausspruch dieses Schriftstellers an, welcher lautet: „Wäre es wahr, daß die Emanzipation der Juden im Exil unvereinbar sei mit der jüdischen Nationalitat. 534