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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 525

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Politik und Moral
Date
1927-12-01
Page
525 (sequence 9)
Language
German
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Politik und Moral die Befugnis in Anspruch, an Leib, Leben und Ehre zu strafen, und ebenso, Einzelne über ihresgleichen weit zu erhöhen und auszuzeichnen. Dieses Recht und diese Macht leitet er von Gott her, er gebärdet sich als Stellvertreter Gottes auf Erden. Er heischt die größten Opfer und verlangt, daß diese Opfer mit Liebe und Hingebung dargebracht werden. Manche betrachten ihn als das Letzte und Höchste, als den absoluten Zweck der Menschheit, andere sehen in ihm eine große Anstalt zur Erziehung des Menschengeschlechts. Nach Hegel ist der Staat das „Irdisch-Göttliche" und darf eine Art religiöser Verehrung beanspruchen. Wenn nun die Staaten mit dem bösen Beispiel vorangehen und in ihren, gegenseitigen Beziehungen alle Moralpflichten beiseite setzen, wie sollen sie an ihren Untertanen das ethische Erzieheramt ausüben? Wie sollen sie es verhindern, daß die Untertanen im Umgang miteinander ihre Lehrmeister sich zum Muster nehmen? Wie kann man erwarten, daß eine Institution, die erklärt, für sie existiere keine ethische Bindung, existieren keine moralischen Skrupel, auf die Dauer genügend moralische Autorität besitzen werde, um die egoistischen, immoralischen Triebe des Einzelmenschen und der Masse zu zügeln? In früheren Zeiten, als die Lenker der Staaten noch hoch über den niederen Sterblichen in den Wolken thronten, als ihr ganzes Tun von einem geheimnisvollen Nebel umflossen war, konnte die Fiktion aufrecht erhalten bleiben, daß der Staatsmann einer anderen, höheren Menschenart angehöre, an die man nicht denselben ethischen Maßstab anlegen dürfe wie an den gemeinen Mann. Da überdies an den Staatsaktionen nur wenige Auserwählte beteiligt waren, die einer abgeschlossenen Kaste angehörten, und die Vor teile nur einer dünnen Oberschicht zugute kamen (die Nachteile betrafen das ganze Volk, wurden aber als Schickungen des Himmels hingenommen), so war die Gefahr, daß die Völker durch den Immoralismus ihrer Staatsmänner depraviert werden könnten, nicht so groß. Heutzutage ist das anders. Die Staatsmänner rekrutieren sich häufig aus dem ganzen Volke, vor den Augen der Zeitgenossen steigt so mancher von den mittleren oder gar unteren Sprossen der Leiter zur höchsten Stufe empor; durch das Parlament wirkt das Volk an der Führung des Staates mit; die Vorteile eines „guten" Handelsvertrages z.. B., den ein Staat dem andern vielleicht durch Tücke, Verrat, Drohung, mit hinterlistiger Ausnutzung der augenblicklichen Notlage, abgeschwindelt hat, bringen auch dem schlichtesten Bürger einigen Nutzen. Jeder Mann ist heut- 525

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