Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895473-2898319--02340-2898415- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Politik und Moral dies immer mehr an Bedeutung. Die Ethik also aus dem Bereiche des Völkerverkehrs ausschalten und sie auf das Gebiet des Privatlebens beschränken, heißt, ihr einen Bezirk von so geringem Umfang und Tragweite zuweisen, daß ihre Existenz fast zur Bedeutungslosigkeit herabsinkt. Sodann erhebt sich die schwierige Frage: Von wem und nach welchen Grundsätzen soll die Grenze zwischen Privatmann und Staatsmann gezogen werden? Der Vorzug, der dem Staatsmann gestattet, sich jenseits von Gut und Böse zu stellen, stammt doch nur daher, daß in seiner Hand das Staatswohl, das Wohl von Millionen ruht; um das Wohl von Millionen zu fördern oder um von Millionen ein böses Schicksal abzuwenden, dürfen Dinge getan werden, die sonst als ethisch verwerflich, oder gar als verbrecherisch gelten; wer für Millionen eine Verantwortung trägt, steht über der Ethik des gemeinen Sterblichen. Nun gibt es heutzutage viele soziale Gebilde — und ihre Zahl wächst immer mehr —, an die das Schicksal größerer Menschenmassen gefesselt ist, als an manchen Staat. Man denke an die großen Industrie-Aktiengesellschaften, oder an die amerikanischen Trusts. So mancher amerikanische Eisenbahn- oder Petroleumkönig ist der Brotherr von mehr Menschen als Montenegro, als sogar die Schweiz oder Dänemark faßt. Wenn sich ein solcher wirtschaftlicher Führer von ethischen Skrupeln frei weiß, kann er den Lohn seiner Beamten und Arbeiter erhöhen, ihre Kinder besser nähren und kleiden, ihnen eine bessere Erziehung angedeihen lassen, er kann Krankenhäuser, Bibliotheken, Sternwarten, Waisenhäuser, Universitäten gründen, also die Humanität und die Erkenntnis fördern. Umgekehrt, läßt er sich von moralischen Bedenken hindern, im geeigneten Augenblick zuzugreifen, so kann sein ganzes Unternehmen ins Wanken geraten, die Löhne seiner Arbeiter und Angestellten sinken, die Lebenshaltung von hunderttausenden von Familien wird hinabgedrückt, Kinder und Greise müssen hungern, jugendliche Personen dem Laster zugetrieben. Wohltätigkeitsinslitute und Forschungsanstalten stocken; es leiden also Humanität und Wissenschaft, ja oft haben wir erlebt, daß durch die Erschütterung eines derartigen Privatunlernehmens selbst ein Staat schon in Mitleidenschaft gezogen wurde. Nun fragt es sich, warum sollte es dem König Nikita von Montenegro frei stehen, ja seine Pflicht sein, über alle Normen der Ethik sich hinwegzusetzen, wenn das Interesse seines Staates es erforderte, nicht aber in einem ähnlichen Fall den Herren Astor, Vanderbilt, Harriman, Rockefeiler, und wie sie sonst?A> 523