Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 521

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Politik und Moral
Date
1927-12-01
Page
521 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895473-2898319--02338-2898413
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Politik und Moral den tiefen Schmerz widerspiegelte, der die Brust des Schreibers durchwühlte. Diese Überschrift lautete: „Moratorium des Christentums". Der Verfasser sagte, er und alle, die im Kriege stehen, wirkten jeden Tag und jede Stunde das. radikale Böse und hätten keinen Anspruch mehr auf den Namen Christ, man müsse ihnen bis Ende des Krieges gleichsam ein Moratorium in betreff ihrer christlichen Schuldigkeit gewähren; nachher erst würden sie ihren Pflichten in Gesinnung und Tat Genüge zu leisten vermögen! Der Herausgeber der Christlichen Welt, der bekannte Theologieprofessor Martin Rade, ging noch weiter und bezeichnete den Weltkrieg einfach als einen „Bankerott der Christenheit", wenigstens was das Solidaritätsgefühl der christlichen Völker anbetrifft Und um Troeltsch nochmals zu zitieren: „Für alle irdischen Dinge muß man auf eine radikale und absolute Christlichkeit verzichten". Aus dem heutigen Protestantismus mit seinem entschiedenen und bewußten Eintreten für eine nationale Politik sei „die eigentliche Christlichkeit bewußt oder unbewußt ausgeschieden". Man hat es hier also mit einer glatten Absage an die Ethik, mit einer totalen Emanzipation von ihren Forderungen zu tun, so weit es sich um die Politik, d. h. um das Leben der Völker miteinander handelt Die Moral wird in das stille Kämmerlein des Privatlebens, der Beziehungen zwischen den Einzelmenschen, zwischen den Bürgern desselben Staates verwiesen. Moral wird Privatsache. Begründet und gerechtfertigt wird diese Absage der Politik an die Moral auf folgende Weise: „Die christliche Sittenlehre, d. h. die altruistische MoraL wie sie in der Bergpredigt niedergelegt ist, läßt sich für die Politik schlechterdings nicht verwenden. Gebote wie die, daß man dem Übel nicht widerstreben, keine Gewalttat vergelten, sondern sich ihr willig preisgeben solle, sind mit staatlicher Selbsterhaltung schlechterdings unvereinbar." Man könne vom Staat nicht verlangen, daß er imstande sein soll, sich bis zur Selbstaufhebung zu verleugnen. Die Selbstverleugnung aber sei das Wesen der christlichen Moral, deren Hauptprinzip der Altruismus sei. Dieses laute: „Tue dem Nächsten das, was du willst, daß es dir geschehe." Das Prinzip des Staates beruhe im Gegenteil auf Selbstbehauptung. Wer ihm dieses Recht nicht zuerkennt, spricht ihm überhaupt jede Daseinsberechtigung ab. Hat man aber dem Staat das Recht auf Selbstbehauptung zuerkannt und der Staat gerät mit seinem Nachbar in einen Konflikt, wo wäre die Instanz, die in jedem einzelnen Fall bestimmen könnte, welche politischen Schritte zur Selbsterhaltung des Staates notwendig sind und 34 521

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.