Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ß. Segel vertrautesten Spießgesellen auch nur anzudeuten." Graf Cavour, der Schöpfer fies einigen Italiens, sagte von sich: „Seit ich mit Erfolg in der Politik tatig bin, zweifle ich, ob ich mich noch zu den Ehrenmännern zählen darf". Friedrich der Große schreibt: „Jeder Fürst ist gezwungen, sich in die Gewohnheit zu fügen, die den Betrug und den Machtmißbrauch heiligt, und ich sage offen, die Nachbarn des Fürsten, der es nicht täte, würden nur seine Redlichkeit ausnützen, und was Tugend ist, als Schwäche deuten". Es ist nicht zu leugnen, daß in allen diesen Äußerungen der Machthaber — und sie ließen sich ins Unendliche vermehren — ein gewisses Kokettieren mit dem Immoralismus liegt; dadurch, daß sie ihn offen bekennen dürfen, dünken sie sich über die gemeine Menschheit erhaben. Überblickt man das alles, so muß man sagen, daß wir im Zusammenleben der Völker vor einem Bankerott der Ethik stehen. In den Beziehungen zwischen den Staaten und zwischen den Völkern waltet — nach übereinstimmender Billigung vieler führender Geister der christlichen Nationen — die nackte rohe Naturgewalt, weder durch Religion, noch durch Aberglauben gemildert. Sine religione, sine superstitione, sagte einmal Livius von den Puniern. Das gilt heute von seinen seit zweitausend Jahren zum Christentum bekehrten Nachkommen durchaus. Hervorragende theologische und theologisierende Denker stellen diese Tatsache mit einer Art von schmerzlicher Resignation fest, aber aus ihren Worten spricht auch zugleich ein gewisses Gefühl der Befreiung: Da es nun einmal nicht anders möglich ist, fügen wir uns darein, unseren Vorteil ohne Skrupel und ohne Gewissensbisse wahrzunehmen. Diese Denker protestieren moralisch, aber nur mit schwacher Stimme. Sie machen böse Miene zum guten Spiel Seufzend über die Notwendigkeit, nicht nach den höchsten Forderungen imserer Moral leben zu können, sind wir bereit, das Opfer zu bringen und so viel Macht und Reichtum einzuheimsen, als für uns erreichbar ist, wenn unser Gewissen sich auch noch so sehr dagegen auflehnt. Wir wissen uns zu beherrsehen. H. St Chamberlain sagt: „In der Religion hat Jesus Christus eine neue Aera gebracht; in der Politik dagegen haben wir seit sechstausend Jahren keinen grundsatzlichen Fortschritt gemacht." Religion und Politik marschieren also hier völlig getrennt. Troeltsch versichert, daß die innerweltliche Kulturethik auf einer ganz andern Ebene liege, als die eigentliche christliche. In der „Christlichen Welt" erschien im Sommer 1915 ein aus dem Feld geschriebener Artikel, dessen Überschrift wie eine frivole Lästerung klingen würde, wenn sie nicht 520