Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 519 (sequence 3)
- Language
- German
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Politik und Moral Gesellschaften sind nicht altruistisch gegeneinander und das Gebot der Nächstenliebe ist noch nie zu einem Gebot der Nachbarsliebe erweitert worden." — Der Rechtsphilosoph Lasson sagt kurz und bündig: „Eine Moral für Staaten gibt es nicht Die Staaten handeln weder recht, noch unrecht, weder sittlich noch unsittlich, sondern ihrer Natur gemäß, und das mit Notwendigkeit und ohne Wahl. Sie suchen ihr Interesse mit klugem Eigennutz. Die Obrigkeit aber würde unrecht und unsittlich handeln, wenn sie im vermeintlichen Interesse des Rechts oder der Sittlichkeit durch sogenannte Vertragstreue die Existenzbedingungen des Staates freigäbe. Einen Rechtszustand gibt es nur innerhalb des Staates. Der souveräne Staat kann sich dem andern nicht rechtlich verpflichten." Gustav R ü m e 1 i n lehrt, die Politik trage in sich ein eigenes Prinzip des Handelns, nämlich die Schaffung des öffentlichen Wohls; darum sei für den Staat der Grundsatz der Selbsterhaltung, für den Einzelnen der Grundsatz der Selbsthingabe, das bestimmende; die Erhaltung des Staates rechtfertige jedes Opfer und stehe über jedem Gebot Treitschke lehrt, in der Politik sei die Uneigennützigkeit unsittlich, ja mitunter sogar eine Totsünde, die Selbstsucht dagegen das allein Sittliche. Darum dürfe der Staatsmann denn auch bei der Wahl seiner Mittel sich nicht von Skrupeln behindern lassen. Wenn die Staatsraison es fordert, darf der Staatsmann ohne weiteres lügen und betrügen. „Er hat nicht das Recht, sich die Hände zu wärmen an den rauchenden Trümmern seines Vaterlandes mit dem behaglichen Selbstlob: Ich habe nie gelogen. Das ist die Tugend des Mönches." Allein Treitschke geht noch weiter und rechtfertigt es vor dem Richterstuhl der Moral, daß die Engländer im indischen Aufstande die Hindus vor die Mündungen der Kanonen banden und sie in Stücke reißen ließen: die Staatsraison habe es so gefordert! Wenn die Theoretiker so sprechen, darf man sich nicht wundern, daß die Praktiker die Sache noch derber anfassen. Ein sehr hervorragender Staatsmann und Heerführer sagt: die Nachwelt werde hoffentlich in ihm den Ehrenmann vom Politiker zu scheiden wissen. Das heißt also: als Privatmann halte er sich an die landläufiger Moralvorschriften, er luge nicht, betrüge nicht, stehle nicht, morde nicht, halte sein Wort ein; aber sobald er an die Erledigung von Staatsgeschäften gehe, tue er von all dem das Gegenteil, wenn das Staatsinteresse es erfordere. Pitt, der ältere, sagt: „Wenn wir (englischen Staatsmänner) nur eine Stunde ehrlich sind, so sind wir für immer verloren." Von Macauly wird das Wort überliefert: „Die Prinzipien der Politik sind so beschaffen, daß der gemeinste Räuber sich scheuen würde, sie seinem 519