Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Politik und Moral
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 518 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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B. Segel Grundlage des Verkehrs zwischen den Staaten, das ist die Moral des Egoismus, richtiger die Amoral des Egoismus; denn da jede Moral darauf beruht, daß der Egoismus durch irgendein Prinzip eingeschränkt wird, so läßt sich der Egoismus schlechterdings mit keiner Moral vereinen; wo er schrankenlos herrscht, muß alles erlaubt sein, was sonst verboten ist Innerhalb der Angehörigen desselben Staates sollen Gerechtigkeit und Liebe walten zwischen Staat und Staat soll nur die Macht walten. Alle Fragen der internationalen Politik sind lediglich Machtfragen. Es handelt sich nie darum, zu wissen, wie weit ich, wenn ich den Staat vertrete, gehen darf, sondern, wie weit ich gehen kann. Was ich vermag, das ist mir auch erlaubt Das ganze Problem ist selbstverständlich nicht neu; aber während es bisher nur die theoretischen Ethiker und Philosophen und auch diese nur rein akademisch beschäftigte, ist es angesichts der Erlebnisse dieses Krieges und seiner Folgen brennend geworden, denn alle Welt fühlt, daß hier ein Widerspruch klafft, der auf einer Unvollkommenheit oder gar Unrichtigkeit des Prinzips beruhen muß. Schon der heilige Augustin fühlte sich durch die Politik in seinem christlichen Gewissen beunruhigt und trennte darum die beiden Organisationen, die des Staates und der Kirche von einander, indem er als Basis der ersteren den amor sui, der letzteren den amor Dei bezeichnete; im Staate erblickte er etwas absolut Unheiliges, während die Kirche die Gemeinschaft der Heiligen war, die alleinige wahrhaft gottgefällige Vereinigung der Menschen. Von dieser Überzeugung ausgehend, flüchteten sich alle mittelalterlichen Menschen, die ein reines Leben führen wollten, aus dem Staat heraus ins Kloster- Daß der Staat durch diese Weltflucht nicht moralischer oder besser wurde, ist klar. Es ist lehrreich, die Meinungen einiger neuerer Denker zu der Frage Politik und Moral zu hören. Kant versichert, daß bisher noch kein Philosoph die Grundsätze des Staates mit der Moral habe in Übereinstimmung bringen können. Burckhardt stimmt der Ansicht Schlossers bei, daß die Macht an sich böse sei und sich mit dem Prinzip des Guten nicht vereinen lasse; jede Macht strebe nach möglichster Ausbreitung und halte kein Recht des Schwächeren für gültig. Nietzsche nennt den Staat einfach „die organisierte Un~ moralität". „Der ganze Altruismus ergibt sich als Privatmannsklugheit Die 518