Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Vom jüdischen Gebet
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 500 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895473-2898317--02315-2898392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Dienemann: Vom jüdischen Gebet ihre Vergottung zu verhüten. Aus dem Gemeinschaftsbewußtsein kann er die Kraft schöpfen, sich derart in ein Überpersönliches einzugliedern, daß sein Persönliches nicht schrankenlos wird. So wird ihm der Weg dazu erleichtert, von sich zu reden, ohne daß er das Gefühl zu haben braucht, daß er sich damit unberechtigt in den Mittelpunkt stellt, oder daß er eine unzulässige und unmögliche Wirkung erzielen will. Es soll nicht gesagt sein, daß all das aus den Voraussetzungen und der Anlage des jüdischen Gebetes sich mit Notwendigkeit ergeben muß; nur daß aus ihnen leichter und freier sich ein Weg eröffnet zur Erfüllung der Sehnsucht Vieler, beten zu können. Mehr soll nicht gesagt sein. Vielleicht aber — doch das soll nur angedeutet, nicht ausgeführt sein, weil auf diesen Blättern nicht die Streitfragen der religiösen Praxis der Gegenwart zu erörtern sind — vielleicht aber ist hier einer der Wege, die eine Refonm des Gebetes geben muß, um das Ziel zu erreichen, dem Gebet entfremdete Menschen wieder zum Beten zurückzuführen. Starke Betonung des Lehrhaften, der Selbstkritik, starke Betonung des Gemeinschaftsgeistes und sparsame keusche Zurückhaltung in der Bitte, Wiederbelebung der Grundlage und Eigenart des Gebetes der Frühzeit in der ruhigen Erwartung, daß an ihnen auch der neuzeitliche Jude lernen wird, von sich aus bitten und wünschen zu können. Kann er es, so ist es köstlicher Gewinn für ihn; kann er es nicht — für Selbstgericht und Gemeinschaftsgeist muß auch der Mensch von heute ein Herz und Ohr haben; und läßt er sich selbst nur dazu führen, so ist für ihn schon viel gewonnen. 500