Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 488 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstern was ich beim Kapitalismus gesagt habe: Der Bolschewismus ist eine Zeiterschcinung, an der auch Juden beteiligt sind, aber nicht sofern sie Juden, sondern sofern sie Russen und russischem Geiste verfallen sind. Die übliche antisemitische Erklärung, der Bolschewismus sei eine jüdische Erfindung, kann nur auf Urteilslose und Unwissende Eindruck machen. Ebenso wie der Zarismus ein typisch russisches Erzeugnis ist, ebenso verhält es sich mit dem Bolschewismus, dem Zarismus von unten, wie ich ihn nennen möchte. Es würde hier zu weit führen, die Wurzeln des Bolschewismus im russischen Geiste und in russischen Zuständen aufzuweisen. Es gibt auch in katholischen Schriften und Zeitschriften treffliche Ausführungen zu diesem Thema. Ich verweise z. B. auf den Artikel von Eduard Stadler: „Der revolutionäre Geist in Rußland, eine Studie zur Entstehung der russischen Revolution". (Hochland I. Heft, 16. Jahrgang.) Alle politischen Ideen des Westens nehmen in Rußland extrem revolutionäre Gestalt an. Der ungeheure Druck des Zarismus hat schon im Jahre 182 5 den Dekabristenaufstand hervorgerufen. Er ist inszeniert worden von jenem Teil des Offizierskorps, der von den westeuropäischen Schlachtfeldern die Sehnsucht nach der politischen Kultur Westeuropas mit in die Heimat brachte. Revolutionäre Freiheitsbewegungen erfolgten weiter 18^0—i848, und dann von i855—1862, dazwischen lagen Perioden schärfster politischer Reaktion. Der heutige Bolschewismus knüpft zeitlich an die Revolution von 1905 an, immer wieder zuckt sie auf, immer wieder bricht sie zusammen, bis dann Lenin und T r o t z k i, von Ludendorff in plombierten Salonwagen von der Schweiz über Kopenhagen nach Rußland gesandt, die russische Revolution in ihrer heutigen bolschewistischen Form zum Siege führten. Rußland gehört nur geographisch zu Europa, geistig gehört es dem griechisch-byzantinischen Kulturkreise an. Von Anbeginn ist sein geistiges Schicksal durch die griechische Kirche bestimmt Dieser fehlt jede Entwicklung, ihr fehlt, ich möchte sagen Aristoteles. Sie ist ganz der Staatsgewalt verfallen, dem Dämon weltlicher Macht Innere religiöse Erneuerungen haben sich in Rußland niemals in der sozialen und politischen Sphäre des Lebens segensvoll ausgewirkt Der russische Geist ist auf dem Gebiet der staatlichen Kultur ebenso geschichtslos wie auf dem der religiösen, man denke an Tolstoi Die Bedeutung dieser fundamentalen Tatsache ist auch von katholischer Seite schon früh erkannt worden. Man findet in einer Artikelserie der„His torisch- Politischen Blätter für das katholische Deutschland" vom 488