Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 489 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen Jahre i854 che ganze russische Revolution vorausgeschaut Es wäre wert, diese Aufsatze heute neu herauszugeben zum Verständnis des Bolschewismus. Sie würden ein für allemal dem Märchen ein Ende machen, als ob der Bolschewismus ein Produkt des Ostjudentums wäre. Will man den Zerstörungsgeist des Bolschewismus in seiner klassischen Form erkennen, dann lese man Bakunins Schriften. Bakunin (1824—1876) entstammt einer adeligen Familie, wird Offizier, übersetzt in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts deutsche Philosophen, insonderheit Hegel und widmet sein Leben, schriftstellerisch und handelnd, der Revolution. In ihm lebt der bolschewistische Geist der Zerstörung gegen alles geschichtlich Überkommene. „Wir wollen", so schreibt er 1873 einmal, „den vollständigen Bankerott und die Liquidierung des Staates, die Abschaffung der Steuern, der Administration der Armee, der Geistlichkeit, der Universitäten,, des Privateigentums." In seiner grenzenlosen Gleichgültigkeit gegen das Menschenleben lebt im Bolschewismus — wie übrigens auch im Zarentum — immer noch der alte Dschingiskan; Telegraph und Telephon haben ihn nicht verändert Eigentümlich russisch ist auch die revolutionäre Einschätzung des Räubertums. Man höre einmal Bakunin in einer seiner Proklamationen : „Das Räubertum ist eine der ehrenhaftesten Formen des russischen Staatslebens. Seit der Gründung des Moskauer Staates war es ein verzweifelter Protest des Volkes gegen die niederträchtige soziale Ordnung, die nach westlichen Mustern vervollkommnet und durch die Reformen Peters und die Befreiungsakte des gutmütigen Alexander noch mehr befestigt wurde. Der Räuber ist ein Held, ein Verteidiger, ein Retter des Volkes. Er ist der unversöhnbare Feind des Staates und der ganzen vom Staate errichteten sozialen und bürgerlichen Ordnung. Er ist ein Kämpfer auf Leben und Tod gegen die ganze Zivilisation der adligen Tschinowniks und Regierurigspopen. Wer nicht das Räuberwesen versteht, der wird nichts von der russischen Volksgeschichte verstehen. Wer nicht mit ihm sympathisiert, der kann nicht mit dem russischen Volksleben sympathisieren, der hat kein Herz für die jahrhundertelangen unermeßlichen Leiden des Volkes, der gehört zum Lager der ihm feindlichen Anhänger des Staatstunis. Seit der Gründung des Moskauer Staates hat das russische Räuberwesen nie aufgehört In ihm erhalten sich die Überlieferung der Demütigungen des Volkes; es ist einzig allein ein Beweis von der Leidenschaft, der Lebensfähig- 32 489