Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 486 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein In der Großindustrie tritt die Bedeutung der Juden vollends zurück. Mit Ausnahme von Ball in spielten die Juden überhaupt keine Rolle in der Binnenschiffahrt, dem Schiffsbau, dem Transportwesen, der Kohlenproduktion, der chemischen und der Schwerindustrie. Auf allen diesen Gebieten haben die Juden eine irgendwie maßgebende Bedeutung weder in Deutschland noch in Amerika, dessen wirtschaftliches Leben von den Morgan, Gould, Vanderbilt, Rockcfeller, Carnegie, Armour beherrscht wird: lauter Nichtjuden. Wenn man natürlich sich gewöhnt hat, Geldleute einfach gleich Juden zu setzen, dann geht es einem wie jenem Arbeiter, von dem Comte d'Avenel in seiner Schrift „Les Francais de mon Temps". erzählt: Auf dem Dache eines Omnibusses unterbricht ein Arbeiter die Lektüre seiner Zeitung, um zu seinem Kameraden zu sagen: „Dieser Herzog von Montpensier, der soeben gestorben ist, scheint 5o Millionen zu hinterlassen." „O, diese Juden!" antwortet der andere kopfschüttelnd. Aber in der Behauptung „Die Juden sind die eigentlichen Trager des Kapitalismus und deshalb schuld an unserm Elend" steckt noch eine besondere Beziehung auf die Zustande unserer unmittelbaren Gegenwart Man bezichtigt die Juden des ausgesprochenen Wuchers, des Schiebertums, der Profitgier, der Ausnutzung der Notlage des Volkes. Der Antisemitismus stellt es so dar, als ob diese unerfreulichen Tatsachen eigentlich nur bei den Juden vorhanden wären. Ich lasse hierzu einen süddeutschen Konservativen, Adam Röder, sprechen („Der deutsche Konservatismus und die Revolution"): „Der Antisemitismus ist populär. Das macht ihn für jeden anständigen Menseben und ernsthaften Christen verdächtig. Unbefangene Betrachtung wird den Antisemitismus der jetzigen Zeit abweisen müssen. Es geht wirklich nicht an, in einer Periode, in der die schamlose Ausbeutung aller durch alle geradezu als Grundsatz getrieben wird, die Juden im besonderen der Ausbeutung zu bezichtigen... Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß in den Kriegszeiten alles, was produzierte oder handelte, übergroßen Gewinn gemacht hat Nur der Arbeiter, der Handarbeiter und der geistige, und die Beamten standen jenseits dieser Gewinnflut Nur weltfremde Leute können behaupten, daß der Jude in besonderer Weise an diesen Zugriffen sich beteiligt haben. Die reichen Leute und Millionäre sind überall aus dem Boden gewachsen. Das war die Folge des hemmungslos gewordenen kapitalistischen Systems, das immer und zu allen Zeiten der Weltgeschichte autonom die Ausbeutung 486