Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 485 (sequence 13)
- Language
- German
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen Nach der materialistischen Geschichtsauffassung bestimmt nicht die seelische Seite die ökonomischen und politischen Verhältnisse, — so daß ein besonders geartetes jüdisches Sein an den Verhältnissen schuld sein könnte —, sondern die ökonomischen Verhältnisse bestimmen das seelische Sein. Damit nähern wir uns dem Kapitalismus als einem spezifischen Wirtschaftsgefüge. Daß Iiier in dem Kampf um die Märkte und der Steigerung der Konkurrenz in Handelsneid und Profitgier, in der Furcht vor wirtschaftlicher Überflügelung störende Momente des Wellfriedens, lagen, kann natürlich nicht geleugnet werden. Aber das sind Zwangsläufigkeiten eines Systems, dessen immanente Logik kaum etwas mit dem guten oder bösen Willen der Menschen zu tun hat Tatsächlich hat aber die Weltkatastrophe nicht der Kapitalismus als solcher verschuldet, sondern die verhängnisvolle Verquickung der Staatsinteressen mit den Interessen des Kapitals. Der Staat, besonders Deutschland, hat sich in den Dienst der kapitalistischen Interessen, der Schwerindustrie und der Großbanken, in denen Juden keine ausschlaggebende Rolle spielen, gestellt (Bagdadbahn, Deutsche Bank, Helfferich!). Die Schutzzollpolitik der Großagrarier und der Großindustriellen, die Entstehung von Monopolen, zusammen mit der dadurch bedingten allgemeinen Steigerung des Wettrüstens zu Lande und vor allem zu Wasser (England fühlte sich bedroht; man lese darüber Eckardstein: „Lebenserinnerungen und politische Denkwürdigkeiten") — diese Verfilzung von Staatsinteresse und Kapitalsinteresse hat die unerträgliche Spannung geschaffen, die, unter Einwirkung einer ungeschickten, ja manchmal geradezu tölpelhaften Politik, Deutschland, nach einem Ausdrucke von Tirpitz, in den Krieg hat „hineinschlittern" lassen. Wo waren Juden an der Macht, als der Krieg ausbrach? Alle Gewalt lag beim Kaiser, seinen Kanzlern und Ministern, dem Auswärtigen Amt, dem Generalstab und den Diplomaten. Kein Jude war unter ihnen. Die größten Reichtümer befinden sich nicht bei den Juden, sondern bei den deutschen Industriemagnaten, den schlesischen Kohlengrubenbesitzern und den ostelbischen Großgrundbesitzern: Krupp, Thyssen, Stinnes, Ehrhardt, Morne, Körting, Kirdorf, Fürst von Fürstenberg, Henkel von Donnersmarck, von Podbielski u. a. Im Bankgewerbe spielen Juden wohl eine Rolle, keineswegs aber eine ausschlaggebende. Die maßgebenden Männer der Deutschen Bank, die, wie viele glauben, zu Deutschlands Unglück die türkischen Geschäfte ins Leben riefen und Großbankenpolitik trieben, waren G. Siemens, Gwinner, Helfferich. 485