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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 484

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
484 (sequence 12)
Language
German
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Julius Goldstein Abschluß einer tausendjährigen Entwicklung aus einer Quelle erklären und aus einem Punkte kurieren zu wollen. Eine den ganzen Erdball umspannende Geschichte, eine Weltkatastrophe, wie sid seit der Völkerwanderungszeit und seit dem Untergang der Antike nicht da war, läßt sich nicht auf eine Formel bringen. Es ist grotesk für den Panslavismus, den Drang Rußlands zum warmen Meere, den französischen Revanchedurst, den englischen Handelsneid, den Nationalitätenstreit in Österreich, die Balkanwirren und für die Einmischung der Vereinigten Staaten in die internationale Politik einen Oberbegriff suchen zu wollen und alles das auf das Judentum zurückzuführen. Wenn es keine Juden in der Welt gäbe, hätte Frankreich nie einen Rhein begehrt, England die deutsche Konkurrenz gern ertragen, Rußland die Panslavisten kurz gehalten und keinen eisfreien Hafen gewollt, Serbien nie nach österreichischem Boden gestrebt? Die Frage stellen, heißt sie verneinen. Gerade England hat diesmal gegen uns dasselbe getan, was es im 16. Jahrhundert gegen Spanien, im 17. gegen Holland, im 18. gegen Frankreich getan und im 19. zweimal gegen die Vereinigten Staaten versucht hat (1812 und 186 4)- Wenn diesmal alle Schuld die Juden trifft, muß man auch die Vernichtung der Armada, die Schiffahrtsakte Cromwells, die Schlacht von Trafalgar, die Verbrennung von Washington und den Sezessionskrieg als jüdische Mache erklären." Es ist mit der Schuldfrage eine eigene Sache. Wenn man den Kapitalismus in jenem weiteren Sinne nimmt, daß er nicht nur eine ganz bestimmte Wirtschaftsweise, sondern auch eine den Kulturprozeß durchdringende Gesinnung ist, eine vom Mammonismus beherrschte Rangordnung der Werte, die besonders seit dem Aufkommen der modernen Industrie die Massen mehr und mehr ergriffen hat, dann bedeutet die Behauptung: Der Kapitalismus hat unser Elend verschuldet, nur die Feststellung einer zwangsläufig sich vollziehenden Katastrophe, die nicht auf Rechnung irgendeiner einzelnen Menschengruppe zu setzen ist. Die Behauptung ist so vage, daß man historisch wenig mit ihr anfangen kann. Alle übrigen Kriegs- und Wirtschaftskatastrophen der verflossenen Jahrhunderte ließen sich mit gleichem Rechte von ihr ableiten. Beachtenswert dürfte aber doch der Hinweis sein, daß in der großen Memoirenlileratur unserer und der ausländischen Minister, Diplomaten und Militärs bei der Behandlung der Schuldfrage von einem besonderen Schuldanteil der Juden am Ausbruch des Krieges nirgends die Rede ist Man kann von sozialistischer Seite wohl hören: Dieser Krieg ist eine Folge des Kapitalismus. Aber hier heißt es „Folge" nicht „Schuld". 4S4

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