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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 482

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
482 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Julius Goldstein. Und nun komme ich zu den beiden Hauptvorwürfen, die man den Juden macht: Sie seien Träger des Kapitalismus und des Bolschewismus, und damit schuld an allem Unheil der Gegenwart Es ist dem Antisemitismus eigentümlich, in unerfreulichen Zeiterscheinungen nicht Phänomene zu sehen, an denen auch Juden beteiligt sind, sondern Phänomene, die nur von den Juden hervorgerufen und ohne sie nicht vorhanden wären; wenigstens liegt dieser Glaube unausgesprochen hinter der antisemitischen Beurteilung der Zeiterscheinungen. Er verstärkt sich durch die Meinung, der Jude sei von Rasse wegen zu sittlicher Minderwertigkeit verdammt Solchem Materialismus steht ja der katholische Geistliche fern. Aber die Suggestion des Zeitgeistes beeinflußt auch sein Denken, so daß er leicht das als etwas spezifisch Jüdisches anspricht, was bei Juden und Nichtjuden gleichermaßen nur Ausdruck eines gemeinsamen historischen Schicksals ist Die Juden sind mit dem Gesamtleben und dem Gesamtleiden ihrer Epoche eng verbunden. Sie spiegeln — vielleicht deutlicher und schärfer als die Nichtjuden — im Guten wie im Bösen die Tendenzen ihrer Zeit wider. Wie oft spricht man von Materialismus und Freigeisterei als von spezifisch jüdischen Erscheinungen, ohne zu bedenken, daß beide Zeittendenzen von Nichtjuden geschaffen worden sind. Muß ich daran erinnern, daß unter den Begründern des Materialismus im 18. und 19. Jahrhundert kein einziger Jude sich befindet? Daß Männer wie Cabanis, Holbach, Lamettrie, Vogt, Moleschott, Büchner, Haeckel nichts mit dem Judentum zu tun haben? Muß ich daran erinnern, daß die das Christentum zersetzenden Theologen und Schriftsteller, wie Voltaire, Strauß, Renan, Baur. Drews, daß die „völkischen" Kirchenfeinde keine Juden sind? Daß hingegen Männer jüdischer oder halbjüdischer Abstammung, wie Neander, Stahl, Cardinal Newman dem positiven Christentum wertvolle Dienste geleistet haben? Daß Männer wie Hermann Cohen, Otto Liebmann, Husscrl, Henri Bergson den Materialismus wissenschaftlich vernichtet haben? Gewiß! Juden waren und sind auch unter den Anhängern und Verfechtern eines religionsfeindiichen Maleriaiismus, aber nicht, weil sie der Abstammung oder der Religion nach Juden sind, sondern weil sie sich den herrschenden Tendenzen ihres Kulturkreises und ihrer Zeit anschlössen und diese Tendenzen sich zu eigen machten. Niemand wird das mehr bedauern als der glaubige Jude. Man verurteile diese Juden, aber uicht mehr als die zeitgenössischen 482

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