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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 481

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
481 (sequence 9)
Language
German
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen E i s n e r gewandt, er möchte von seiner Politik ablassen. Er hat dieses Ansinnen zurückgewiesen. Als Trotzki zur Herrschaft kam, erkannte die russische Judenheit sogleich, daß eine ungeheuere antisemitische Bewegung entfacht werden würde, wenn eine Jude sich zum Träger einer radikalen adels- und kirchenfeindlichen Politik mache. Eine Deputation großer jüdischer Gemeinden, unter Leitung eines der angesehensten und geachtetsten Rabbiner des Landes, begab sich zu Trotzki und bat ihn im Namen von Millionen russischer Juden flehentlich, er möge von seinem Posten zurücktreten und der judenfeindlichen Bewegung, die dann vor allem gegen die wehrlosen Juden sich richten würde, keine neue Nahrung geben. Trotzki erwiderte dieser Deputation wörtlich: „Meine Herren, ich bin erst Russe und dann Jude; die russischen Interessen aber gebieten, daß ich an meinem Platz bleibe." Als Juden treiben die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens überhaupt keine Politik, es sei denn, sie wehren sich gegen Beschränkungen der verfassungsmäßigen Rechte. Die Juden gehören allen Parteien an. Wir Juden haben ein seltsames Gefühl gegenüber dem Märchen von der jüdischen Gemeinschaft Wir fürchten es, wie wir nur etwas auf der Welt fürchten können. Es ist ein ständiger Albdruck, unter dem wir leben, ein dauerndes Angstgefühl: wenn nur keine Schandtaten geschehen, deren Urheber Juden sind! Und dabei dieses schauerliche Gefühl der Ohnmacht, es nicht ändern zu können, es auch den eigenen Landsleuten nicht ausreden zu können, daß man daran schuldlos ist Das Märchen von der jüdischen Gemeinschaft ist das erste, das das jüdische Kind am eigenen Leibe und an eigener Seele erlebt, wenn ihm seine Abstammung höhnend zugerufen wird; es begleitet seinen Lebensweg als häßliche Kindheitserinnerung, die einen Zug leiser Traurigkeit zurückläßt; es ist das einzige Märchen, — an das die andern glauben. Und schließlich kommen wir dahin, zu wünschen, es möchte wahr sein, wahr in dem Sinne, daß es wirklich eine Art jüdischen Solidaritätsgefühls gäbe, das den Einzelnen veranlaßte, bei allen seinen Handlungen daran zu denken, daß er Rücksicht nehmen muß auf das Märchen von der jüdischen Gemeinschaft Gerade die feiner organisierten Geister unter den Juden leiden am meisten unter den Handlungen ihrer robusteren Glaubens- und Unglaubensgenossen. In der europäischen Kultur empfinden nur die Juden die Tragweite des indischen tat twam asL-- 481

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