Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 480 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstein auf ihn aus, auf jede wirkt er zurück- Eine einzige Verbandstoi*m herausheben und sie verantwortlich machen für die Taten des Einzelnen geht nicht an und vergewaltigt die tatsächlichen Verhältnisse. Das tun aber alle diejenigen, die das Judentum verantwortlich machen für Handlungen einzelner Juden. Es ist immer noch die primitive Gruppenmoral, die hier nachwirkt; nur kann sie angesichts unsres modernen Rechtszustandes nicht mehr mit direkten Strafen gegen die Gemeinschaft vorgehen, sondern nur mit sozialen Ächtungen. Im Laufe der Zeit kann sich das dann freilich zu gesetzgeberischen Maßnahmen gegen die Gemeinschaft verdichten: Damit rechnet die antisemitische Politik all der Parteien, die die Emanzipation der Juden rückgängig mächen wollen. Das sittliche Unrecht dieser Verhaltungsweise besteht darin, daß man eine Art Moral wieder einführen will, die man sonst als unsittlich empfindet, weil ihre Voraussetzung gefallen ist: Die Macht der Gruppe über den Einzelnen. Unsere ganze Rechtsentwicklung hat der Gruppe die exekutive Strafgewalt über das Individuum genommen und sie dem Staate übergeben. Das Verhältnis des Einzelnen zu den verschiedenen Gemeinschaftsformen ist, mit wenigen Ausnahmen, ein Verhältnis der Freiwilligkeit Die Gemeinschaft kann ihn von sich ausschließen, wenn er nicht freiwillig ausscheidet Das ist eine Art Selbstschutz der Gemeinschaft, ein Mittel, die Gemeinschaft frei zu halten von Individuen, die die besonderen Ehrbegriffe der Gemeinschaft durch ihre Handlungen verletzen. So geschieht es in den Standesgemeinschaften, z. B. der Ärzte, Juristen, Diplomingenieure. Wie steht es nun mit der jüdischen Gemeinschaft? Das Judentum ist heute machtlos gegenüber dem Einzelnen. Als es noch eine in sich geschlossene Gemeinschaft war unter eigenem Recht und Verwaltung, besaßen seine religiösen Führer Strafmittel gegen die Mitglieder der Gemeinschaft. Heute besitzt das Judentum keine weltlichen und geistigen Machtmittel mehr. Es gibt wohl kaum eine andre religiöse Gemeinschaft, die hilfloser dem Einzelnen gegenübersteht als das Judentum Es verliert dauernd zahlreiche Mitglieder an andre Religionsgemeinschaften. Sehr viele der Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, sind mit dem Judentum nur noch durch den Zufall der Geburt verbunden und lehnen es in schroffer Weise ab, in ihren Handlungen durch das Judentum beschränkt zu w erden. Eine Reihe jüdischer Gemeinden hat sich seinerzeit mit der Bitte an Kurt 480