Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 479 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen bilden in Deutschland eine in sich geschlossene Gemeinschaft, die auf ihre Mitglieder bestimmenden Einfluß hat Deshalb ist die jüdische Gemeinschaft mitverantwortlich für die Verfehlung jedes einzelnen Juden. Bei jeder anderen Gruppe von Menschen verlangt es der politische Anstand, Verfehlungen Einzelner nicht der Gesamtheit zuzuschreiben. Bei den Juden läßt man diese Anstandspflicht außer Acht Wie steht es aber nun mit dieser Auffassung vom Wesen der jüdischen Gemeinschaft? Wenn früher in einer Kompagnie Verfehlungen Einzelner vorkamen, dann ließ der Kompagnieführer die Kompagnie nachexerzieren oder hob Vergünstigungen besonderer Art für die gesamte Kompagnie auf- Man motivierte das mit dem Hinweis, die Gemeinschaft müßte unter sich die Einzelnen im Schach halten und die schlechten Elemente zügeln. Die Kompagnie wurde verantwortlich gemacht für das Verhalten Einzelner. Hier haben wir den Cbcrrest einer sittlichen Auffassung, die in der Gruppenmoral primitiver Gemeinschaftsformen der Menschheit allgemein war. Die Gemeinschaft hat niitzubüßen für die Verfehlungen ihrer Mitglieder, wobei der Kreis der Gemeinschaft je nach Zeiten und Ländern und je nach den Umständen enger oder weiter (gezogen wird. Freilich war das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft in geschichtlichen Frühzeiten (wie es z. B. Fustel de Coulanges und Maine geschildert haben) von dem heutigen toto genere verschieden. Alle Lebensbeziehungen des Individuums waren von der Gruppe festgesetzt und geregelt Eine von der Gruppe unabhängig Existenz gab es für das Individuum auf keinem Gebiete. Mit seiner Geburt sind alle seine Lebensbeziehungen und -betätigungen ihm vorgezeichnet Individuum und Gruppe bilden eine unlösbare Einheit Was uns heute als selbstverständlich gilt, daß der Einzelne für seine eigenen Handlungen persönlich verantwortlich ist, liegt jenen Zeiten noch völlig fern. Nun hat sich aber im Laufe der geschichtlichen Entwicklung das Verhältnis des Einzelnen zur Gemeinschaft von Grund aus geändert Der Mensch gehört gleichzeitig einer Vielheit von Verbandsformen an, die ihn beeinflussen und denen er sich, in den meisten Fällen wenigstens, nach freiem Ermessen hingeben kann — den Verbandsformen der Familie, des Staates, -der Nation, der Kirche, und all den unzählbaren Formen des Vereinslebens, wie sie die Gegenwart in immer steigendem Maße zeitigt Keine einzige dieser Verbandsformen nimmt ihn ganz für sich in Anspruch; jede übt Einfluß 479