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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 478

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
478 (sequence 6)
Language
German
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Julius Goldstein Zorn der Mehrheit, die die Abwehrgemeinschaft der Minderheit zu einer herrschsüchtigen Angriffsgemeinschaft umdeutet, und schließlich gebärdet sich die verfolgende Mehrheit als „persScuteur persecuta", wie es in der französischen Psychiatrie heißt Das ist die formale Gleichheit in der soziologischen Struktur des Antisemitismus und des Kulturkampfes. Aus dieser formalen Gleichheit entstehen dann gewisse Gleichheiten der Beschuldigungen, wie ich sie vorhin aufgewiesen habe. Die Demagogie verfällt immer auf dieselben Mittel; je mehr sie sich organisiert und den technischen Apparat moderner Beeinflussungsmethoden beherrscht, um so leichter ist sie imstande, aus jeder neuen historischen Situation neue Beschuldigungen gegen die Minderheit eindrucksvoll zu verbreiten. Für alles, was in der Zeit an schlimmen Tatsachen auftaucht, wird auf die Minderheit als Ursache hingewiesen. Da immer irgendwelche Angehörige dieser Minderheit irgendwelche Beziehung zu diesen Tatsachen haben, verfällt das durch frühere Agitation beeinflußte Denken dem bekannten und bequemen Trugschluß vom cum hoc zum ex hoc. Damit rechnet die Demagogie, und sie verrechnet sich nicht1) Kapitalismus und Bolschewismus werden vom Katholizismus bekämpft An beiden sind auch Juden beteiligt Daraus leitet dann der Antisemitismus die Behauptung ab: Die Juden sind die eigentlichen Träger des Kapitalismus und des Bolschewismus. Die jüdische Gemeinschaft ist schuld an all dem Furchtbaren, was Kapitalismus und Bolschewismus hervorgebracht hat Die jüdische Gemeinschaft! Gestatten Sie mir, sehr geehrter Pfarrer, einiges zu diesem völlig mißverstandenen Begriffe zu sagen. Angesichts gewisser unerfreulicher Erscheinungen des politischen Lebens, an denen auch Juden beteiligt sind, hört man oft von wohlmeinender Seite: Rücken sie ab von diesen Leuten, sonst meint man, sie billigten ihr Treiben! Hinter diesem Rat steckt eine durchaus irrige Auffassung vom Wesen der jüdischen Gemeinschaft und von ihrem Verhältnis zu den Handlungen der einzelnen Mitglieder. Diese falsche Auffassung läßt sich etwa folgendermaßen umschreiben: Die deutschen Juden J) Als Beispiel, wie der von der Demagogie gepflegte Beziehungswahn betrügerisch ausgenutzt wird, sei folgendes erwähnt: Im Winier 1872/73 erkrankte der deutsche Kronprinz in Karlsruhe. Ein Berliner Kunsthändler ließ eine Lithographie des Prinzen auf dem Krankenlager herstellen und gab die Bilder an Händler zum Weiterverkauf mit dem Bemerken, sio würden ein gutes Geschäft machen, „denn die Teilnahme sei um so größer, als das Gerücht von einer Vergiftung durch einen Hofjesuiten (I) immer stärker auftrete, ohne von maßgebender Seite dementiert zu werden". 478

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