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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 477

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
477 (sequence 5)
Language
German
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen Wie es heute in Zeitungen und Büchern eine unflätige antisemitische Romanliteratur gibt (ich erinnere nur an Dinters „Sünde wider das Blut"), so hat es auch zur Zeit des Kulturkampfes in den siebziger Jahren eine antikatholische Romanliteratur gegeben, die Kißling mit folgenden Worten charakterisiert: „Einen unermeßlichen Strom von Unflat und Schlamm ergoß diese Literatur gegen die katholische Kirche; viele Redaktionen schienen ihr Feuilleton aus dem Tollhause zu beziehen, so gräßlich waren die Zerrbilder von allem, was katholisch hieß, die Tag für Tag unter dem Strich paradierten. Welche Vorstellungen mußte aus solch einer Lektüre das protestantische Volk von seinen katholischen Mitbürgern und ihrer Kirche gewinnen!" — Ein merkwürdiger Zufall will es, daß einer der schlimmsten Romane jener Zeit „Biari tz" von dem Berliner Schriftsteller Gödsche (er schrieb unter dem Namen Sir John Ratcliffe) damals als Quelle der Verleumdungen gegen Kirche und Jesuiten galt, und daß heute aus diesem selben Roman der Antisemitismus ein besonderes Kapitel in einer Broschüre unter dem Titel „Das Geheimnis der jüdischen Weltherrschaft" verbreitet Wer damals für die Jesuiten eintrat, wer Besonnenheit und Besinnung verlangte und gegen ungerechtfertigte Verleumdungen sich wandte, der wurde als Jesuitenknecht niedergeschrieen. Wer heute gegen die fratzenhaften Verleumdungen des Antisemitismus auftritt und sachlich gerechte Beurteilang verlangt, wird als Judenknecht bezeichnet Die Parallelen ließen sich noch weiter ausspinnen. Man erkennt aber schon aus dem bisherigen, daß es immer der gleiche Kreis demagogischer Mittel ist, der im Kulturkampf und im Antisemitismus sich auswirkt Aber, werden Sie sagen, wir werfen den Juden heute wesentlich anderes vor! Gewiß! Es muß aber doch stutzig machen, daß nicht nur die Technik der Verleumdung im Antisemitismus und Kulturkampf so erstaunlich sich ähnelt, sondern daß auch der Inhalt der Verleumdungen in weitem Umfange sich deckt! Ist das bloßer Zufall? Katholiken und Juden befinden sich beide in der Minorität Beide wollen und können ihr Recht auf religiöse Sonderexistenz nicht aufgeben. Das wird von der herrschenden Mehrheit als Angriff empfunden, den sie .mit einem Gegenangriff auf die der Minderheit garantierten staatsbürgerlichen Rechte beantwortet Die Minderheit muß sich dagegen zur Wehr setzen und schließt sich zur Abwehrgemeinschaft zusammen. Das steigert wiederum den 477

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