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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 475

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
475 (sequence 3)
Language
German
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen Da entschloß ich mich, einmal gründlicher die Geschichte des Kulturkampfes zu studieren. Ich war aufs höchste überrascht Oft mußte ich in der Lektüre innehalten und mich besinnen, daß ich antikatholische Aufsatze las — Wendungen, Sätze, Behauptungen, Bilder: die ganze Phraseologie war zum Erschrecken derjenigen gleich, die sich heute in der antisemitischen Literatur findet Wie heute alles Weltschicksal sich abzuspielen scheint zwischen Germanen und Semiten, so damals zwischen Germanen und Ultramontanen. Ich traf in. der Kulturkampf-Literatur alle jene Insinuationen wieder, mit denen heute antisemitische Preßorgane nach dem Prinzip der Reklame unaufhörlich arbeiten. Gestalten Sie mir eine Reihe solcher erstaunlicher Parallelen zu geben: Ich halte mich dabei im wesentlichen an das klassische Werk von Kißling: „Geschichte des Kulturkampfes im deutschen Reiche". Die Antisemiten sagen: Die Juden arbeiten systematisch an dem Untergang Deutschlands. Im Kulturkampf heißt es: „Der Ruin cter Nation und des Vaterlandes ist das Ziel des Ultramontanismus" (im „Neuen Reich" 1874, Bd. IV). Und weiter heißt es in der Allgemeinen Zeitung vom 5. Dezember 1870 in einem Aufsatz „Wunsch zur Kaiserkrönung": „So wäre, denn alles zu Heil und Segen gewendet, fräße nicht ein giftiger Schwamm in unsern Eingevveiden, der unablässig, Tag und Nacht, seine zerstörende Arbeit fortsetzt Welches die Krankheit ist, braucht nicht erst gesagt zu werden: Die Wahlen zum preußischen Landtag haben wieder einmal die wunde Stell« entblößt; blind ist, wer nicht erschreckt davor zurückfährt Der blühendste aufgeklärteste regsamste Teil Deutschlands, Rheinland und Westfalen, schickt 4o ultramontane Abgeordnete in die Landesvertretung. Wahrlich, eine verlorene große Schlacht an der Loire wäre ein geringeres Unglück für die Nation als diese Niederlage---- So wächst und wächst die stille Verschwörung gegen Staat und Kultur Stund für Stund, treibt ihre sich festkrallenden Ranken überall umher und droht uns zu ersticken in gegebener Zeit" — Die Antisemiten sagen :Die Juden haben ein heimliches Gesetz, den Talmud, der entbindet sie von allen Eiden, die sie Nichtjuden leisten. Im Kulturkampf heißt es: Zu „ihrem Rechte" rechnet die katholische Kirche auch, „daß die Untertanen des ketzerischen Königs von .Preußen diesem gegenüber von jedem Eide, von Treue und Gehorsam entbunden sind oder doch sein sollten und jeden Augenblick durch die Kirche entbunden werden können." Solche äußersten Konsequenzen fordere die Kirche 31* 475

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