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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 474

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Schreiben an einen katholischen Geistlichen
Date
1927-12-01
Page
474 (sequence 2)
Language
German
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Julius Goldstein soweit er bösem Willen, Neid oder taktischen politischen Erwägungen entspringt, läßt sich kaum etwas einwenden. Aber solchem Antisemitismus stehe ich ja hier nicht gegenüber. In dem vorliegenden Falle besteht der Antisemitismus aus einigen dem Zeitgeiste geläufigen Deutungen, die aus dem Verhalten einzelner Juden ein Gesamturteil über die Juden herleiten. Dieses Gesamturteil enthält einen Erklärungsversuch gegenüber gewissen unerfreulichen Erscheinungen der Gegenwart Kapitalismus, Bolschewismus, Freimaurerei werden auf ihre Ursachen und treibenden Kräfte zurückgeführt Man stößt dabei auch auf Juden: die Juden gelten fürderhin als die eigentlichen Träger dieser drei Bewegungen. Besteht diese Behauptung zurecht? Ich weiß, sehr geehrter Herr Pfarrer, daß es Ihnen ernst ist um die Wahrheit, daß Sie mit mir die Zuchtlosigkeit des Denkens verdammen, die so viele unsrer Zeitgenossen oft zu leichtfertigen Böswilligkeiten führt Ich weiß auch, daß der Antisemitismus bei Ihnen nicht im Willen liegt, sondern eine Sache des Intellektes ist Und deshalb gebe ich mich der Hoffnung hin, Sie auf dem Wege sachlicher Betrachtung von der Unhaltbarkeit jener Vorwürfe zu überzeugen, die gegen die Juden erhoben werden. Freilich: Sie müssen Geduld haben. De Bonald hat im Jahre 1827 gelegentlich einer Rede über die Preßfreiheit das Wort gebraucht: „On attaque avec un mot, un trait; il faul des volumes pour repondre et pour defendre." Sie müssen mir daher gestalten, etwas auszuholen. Sie haben mich ja aufgefordert, ich möchte mich zu aen drei Vorwürfen äußern. Ich erfülle gerne Ihren Wunsch. — In einem alten Familienbriefe vom Jahr 1874 fand ich kürzlich folgende Stelle: „Heutzutage wird alles Böse den Katholiken zugeschoben; dann werden die Sozialdemokraten drankommen und schließlich die Juden." Ich mußte oft an diese Stelle denken. Von der Verfolgung der Sozialdemokraten wußte ich manches. Von Katholiken Verfolgungen hatte ich aber keine deutliche Vorstellung. Ich wußte wohl, daß es einmal einen sog. Kulturkampf gegeben, ich hatte die Reden Bismarcks gelesen, aber ein klares Bild von dem, was das Wort „Kulturkampf" bedeutete, besaß ich nicht Wohl hörte ich oft von älteren katholischen Freunden: Was man Euch Juden heute vorwirft, das hat man uns Katholiken ceteris paribus vor wenigen Jahrzehnten vorgeworfen. Wir Katholiken sollten uns hüten, antisemitische Behauptungen nachzusprechen; wir haben unter dem Fluch der Minorität früher ebenso gelitten wie jetzt die Juden.... 474

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