Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Schreiben an einen katholischen Geistlichen
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 473 (sequence 1)
- Language
- German
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Schreiben an einen katholischen Geistlichen Von Julius Goldstein Ihrem Briefe, den Sie die Güte hatten, mir zu senden, entnehme ich drei Vorwürfe, die Sie, und mit Ihnen manche deutsche Katholiken, gegen die Juden richten. I. Das Judentum ist der eigentliche Träger des modernen Kapitalismus, der das Volkselend verschuldet hat II. Das Ostjudentum ist der Träger des Bolschewismus, den es in unser Vaterland hineintragen will. III. Das Judentum beherrscht die Freimaurerei, die schärfste Gegnerin der katholischen Kirche. Das sind schwere Vorwürfe, sehr geehrter Herr Pfarrer! Ich empfinde sie um so schwerer, als ich weiß, ein katholischer Geistlicher spricht nicht leichthin Behauptungen von solcher Tragweite aus. Daß Sie als Katholik nicht auf das Recht verzichten können, das Judentum als solches dogmatisch zu bekämpfen, verstehe und würdige ich durchaus. Die Allerweltstoleranz, die schließlich nur aus religiöser Skepsis geboren ist, kann keine ihren Glauben verteidigende Religionsgemeinschaft gutheißen. Ich kenne und schätze die katholische Toleranzidee, wie sie Arthur Vermeersch S. J. in seinem schönen Buche „Die Toleranz" behandelt hat Aber die drei oben angegebenen Vorwürfe gegen das Judentum bedeuten ja nicht eine Intoleranz des Katholizismus gegenüber dem jüdischen Glauben, sie bedeuten eine aus zeitgeschichtlichen Vorkommnissen abgeleitete schwere Beschuldigung, die eine judenfeindliche Stimmung mancher katholischer Kreise begreiflich und begründet erscheinen lassen soll; sie bedeuten, daß auch katholische Geistliche von dem Antisemitismus unsrer Tage nicht unberührt bleiben. Gegen den Antisemitismus, 31 473