Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Die Parapsychologie
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 466 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Hans Driesch Nur ein Schritt weiter ist es, daß nun, wie die neuen Paraphänomene uns lehren, die Einbildungskraft eines jener seltenen Menschen, welche Medien heißen, sich auch organbildend betätigen kann. Wir haben oben Telekinese, Levitation und Materialisation gesondert Letzthin sind sie alle wahrscheinlich insofern eines, als auch Telekinesen und Levitationen wohl durch, vielleicht stabförmige, Paraorgane hervorgebracht werden. Das Vitalagens kann also — wenigstens bei gewissen Organismen, den Medien — mehr leisten als die normale Biologie uns offenbart Ein Mißverständnis freilich muß hier grundsätzlich ausgeschlossen werden: nicht etwa sind die vom Medium gebildeten Paraorgane „Schöpfungen" aus dem Nichts. Schon der normale Vorgang der biologischen Formbildung ist ja nur Ordnung eines vorher „assimilierten" Materials. So auch paranormal; nur der Bezirk des Einbeziehens von Materie unter die Kontrolle des vitalen Agens ist erweitert Die einfachste Stoffwechselassimilation und die vollendete Materialisation erscheinen so als erstes und letztes Glied einer langen Reihe von im tiefsten Grunde dem Wesen nach gleichartigen Erscheinungen. Das aber bedeutet eine wirkliche Angliederung von neuen wissenschaftlich erhärteten Tatsachen an Bekanntes. 7. Wir haben schon oben gesagt, daß die psychischen Phänomene der Parapsychologie schwerer zu „verstehen", d. h. an Bekanntes anzugliedern seien als die physischen. Hier müssen Hypothesen ad hoc erfunden werden, es geht nicht anders; freilich Hypothesen, welche aus der sorgfältigen Zergliederung der Tatsachen erwachsen- Wir können auch, mit einer Kantischen Formel, sagen, daß geprüft werden muß, was „die Voraussetzung der Möglichkeit" der in Frage kommenden Dinge notwendigerweise sei. Wir wissen: es handelt sich um Wissenserwerb auf abnormen Wegen. Normalerweise geht jeder Wissenserwerb in bezug auf Natur oder in bezug auf fremde Wisseninhalte letzthin stets auf eine Affektion der Sinnesorgane, zumal des Ohrs und Auges, durch physikalische „Strahlungen", d.h. elastische oder elektromagnetische Wellengefüge, zurück. Wie daraus „Wissen" entspringen kann, ist schon hier ein völliges Rätsel, was ich oft betont habe: meine Netzhaut, mein Sehnerv, meine Sehsphäre wird gereizt, und dann sehe ich den Baum oder den Tisch „da draußen"! Was nun zunächst das Hellsehen angeht, so haben manche versucht, es auf Telepathie (im weiteren Sinne) zurückzuführen, indem sie annahmen, irgendein Wesen wisse doch eben um die dingliche Situation, die da angeblich 466