Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Die Parapsychologie
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 465 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Parapsvchologie Mit beiden Dogmen hat nun aber heute eine wahrhaft „kritische", unvoreingenommene Philosophie und Wissenschaft gebrochen. Die neue logische Zergliederung des Kausalitätsbegriffs hat gezeigt, daß Kausalität nicht etwa apriori gleich Mechanismus ist, daß das Postulat der Ursächlichkeit nur besagt, es müsse stets für ein Geschehen irgendein zureichender Grund vorhanden sein. Die moderne Biologie aber hat das Unzureichen des Mechanismus endgültig schon für die normalen Lebensvorgänge aufgedeckt und den totgeglaubten Vitalismus wieder auf den Thron gesetzt. Was aber endlich das berühmte Leib-Seele-Problem angeht, so ist der psycho - mechanische sogenannte „Parallelismus" auf doppelte Weise ad absurdum geführt worden: erstens durch den Nachweis, daß, schon rein leiblich betrachtet, der handelnde Mensch gar nicht „mechanisch" verstanden werden kann — (übrigens bereits eine Folge des Vitalismus im Allgemeinen), zweitens aber durch die Darlegung, daß „das Physische" im Sinne des Mechanismus und „das Seelische" im Sinne des bewußt Erlebten so verschieden an Bau, Elementarzusammensetzung und Mannigfaltigkeit sind, daß es geradezu grotesk ist, zu behaupten, beide seien eigentlich „dasselbe". Ganz gleichgültig ist es dabei, ob der Begriff des Mechanischen im klassischen Sinne Newtons oder elektrodynamisch oder etwa relativitätstheoretisch gefaßt wird. Die Haupthindernisse für eine Angliederung der physischen Paranormalia an Bekanntes sind damit beseitigt: Das Vitale, sei es als Lebensagens überhaupt oder sei es in Sonderheit als „Seele" tätig, ist ein Ens, ein Agens, das neben der Materie steht, das mit ihr in kausaler Wechselbeziehung ist, das aber nicht „dasselbe" ist wie irgendeine materielle Konstellation. Für die Parapsychologie sind nun besonders solche Fälle vitalen Wirkens auf die Materie von Bedeutung, in denen das Vitale sich als Seelisches im engeren Sinne äußert Was kennen wir im Normalen an solchen Äußerungen? Wir kennen die Wirkung der Einbildungskraft auf die Drüsensekretion (Paw 1 ow), wir kennen auch, was die Hauptsache ist, zumal durch Coues und Baudouins neue Forschungen, die „suggestive", oder besser „autosuggestive" Wirkung der Einbildungskraft — (nicht des „Willens"!) — auf alle möglichen physiologischen Vorgänge: Blutungen können so gestillt oder hervorgerufen, Verdauung, Menstruation u. a. können beeinflußt werden. 465