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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Das jüdische Schulwesen in den Baltischen Randstaaten
Date
1927-10-01
Page
450 (sequence 5)
Language
German
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Paul Michaelis gische Kurse, Seminare, Chedarim, Sprachenkurse). Entsprechend den Wünschen der jüdischen Bevölkerung sind alle Unterrichtssprachen vertreten; denn in diesen 157 Schulen ist die Unterrichtssprache: hebräisch in 16 Grundschulen und 2 Mittelschulen, jiddisch in 43 Grundschulen und 3 Mittelschulen, deutsch in 11 Grundschulen und 4 Mittelschulen, russisch in 12 Grundschulen und 11 Mittelschulen. In diesen Schulen wurden im Schuljahr 1925/26 über i5ooo Schüler von 85i Lehrern unterrichtet, und zwar empfingen 7900 Schüler (= 5 20/0) den Unterricht in jiddischer oder hebräischer, 7300 (= 48<>/o) hingegen in deutscher oder russischer Sprache. In allen diesen Anstalten sind lettische Sprache (Grammatik, Literaturgeschichte, Poetik) sowie Geschichte und Geographie Lettlands obligatorische Unterrichtsfächer. Die Programmforderungen in den Schulen der Minoritäten dürfen nicht geringer sein als die Forderungen in den entsprechenden lettischen Staatsschulen. Die Stundenzahl für die profanen Fächer wird vom lettischen Bildungsministerium genau vorgeschrieben; die jüdische Bildungsverwaltung fügt von sich aus die Stundenzahl für die jüdischen Fächer (hebräisch, jiddisch, Religion, jüdische Geschichte) hinzu. Das Programm der jüdischen Fächer ist nicht einheitlich, sondern richtet sich nach dem Charakter der Schule. Man kann folgende vier Arten von jüdischen Schulen unterscheiden: a) die hebräisch-nationale Schule, in der, mit Ausnahme des Lettischen, sämtliche Fächer in hebräischer Sprache unterrichtet werden. Religion und Religionsunterricht spielen in ihnen kaum eine Rolle; der Bibelunterricht gehört zum hebräischen Sprach- und Literaturunterricht; b) die orthodox-religiöse Schule mit hebräischer Unterrichtssprache (nur eine Schule, in der Form des alten „Cheder" hat die jiddische Unterrichtssprache), in der die jüdischen Fächer (Thora, Talmud, Hebräisch, Dawnen usw.) die bedeutendste Rolle spielen und die profanen Lehrgegenstände, insbesondere moderne Sprachen, z. T. vernachlässigt werden. Es muß leider zugestanden werden, daß diese orthodoxen Schulen mehr formal-konfessionell als innig religiös sind; c) die jiddisch-weltliche Schule, von den sogenannten „Jiddischesten" und Bundisten gegründet, unter völliger Ablehnung, ja sogar Bekämpfung des Religionsunterrichtes. Für das Hebräische haben die jiddischen Schulen sehr wenig übrig; das Hebräische ist nicht einmal überall obligatorisches Unterrichtsfach; d) die jüdischen Schulen mit deutscherbezw. russischer Unterrichtssprache, die ersten begründet von alteingesessnenen kurischen und Rigenser Juden, die letzten bevorzugt von jenen Kreisen, die nach einem zu erwartenden demokratischen Rußland tendieren. Die jüdischen Fächer (hebräisch, jüd. Geschichte und Religion) werden in diesen Schulen in fünf bis sechs Wochenstunden gelehrt. Einen modernen Religionsunterricht nach deutschem Muster hat allerdings nur die im Jahre 1924 begründete Esraschule in Riga. 450

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