Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Das jüdische Schulwesen in den Baltischen Randstaaten
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 449 (sequence 4)
- Language
- German
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Das Jüdische Schulwesen in den Baltischen Randstaaten althebräisch? Auf diese Frage gibt es beinahe so viele Antworten, wie es jüdische Abgeordnete in Lettland gibt. Die Zionisten verteidigen das Hebräische als einzige und wahre Nationaisprache der Juden. Die Bundisten vertreten den Standpunkt des Jiddischen (Jargon), das als Muttersprache der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung zu betrachten sei. Den Agudisten, als den Hütern des überlieferten Judentums, ist es gleichgültig, welche Sprache die Juden sprechen, wenn sie nur an der Thora festhalten und ihre Vorschriften für verbindlich erklären. Die jüdischen Nationaldemokraten wenden sich vor allem gegen die Zwangshebräisierung oder Zwangsjargonisierung und verteidigen die Sprachenfreiheit in bezug auf die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Lettlands. Der objektive Beobachter wird der Ansicht der Nationaldemokraten beipflichten müssen: denn jede Sprache ist den Juden zur Muttersprache geworden, weil sie überall Minorität waren; so steht es auch mit den Juden Lettlands. Sie haben diejenigen Sprachen gelernt, die im Baltikum, als einem Grenzlande, gesprochen wurden. Da von den Juden auf dem kleinen Territorium Lettlands mindestens vier Sprachen (jiddisch, deutsch, russisch, hebräisch) gesprochen werden, muß gefolgert werden, daß die Familiensprache, unter der das lettische Schulgesetz „die von den Eltern bei der Anmeldung als solche angegebene Sprache versteht, in der das Kind seine Gedanken frei ausdrücken kann", nicht immer mit der Nationalität zusammenfällt. Das beweist auch die Sprachenstatistik, die bei der letzten Volkszählung (Februar 1925) von den lettischen Behörden aufgestellt worden ist: Von den g5 675 Juden haben als Umgangssprache jiddisch (auch die wenigen Juden Lettlands, die hebräisch verstehen, haben jiddisch als Umgangssprache angegeben 78 i43 81,60/0 deutsch 8692= 9,10/0 russisch 4 55o 4,9% lettisch 527 o,5o/o unbekannt 3 763 3,90/0 95 675 =100 o/0 Dieser Vielsprachigkeit der Juden hat bisher das lettlandische Minderheiten- Schulgesetz Rechnung getragen, indem es den Juden (wie allen lettischen Bürgern) Sprachenfreiheit gewährleistet hat, damit jedes Kind in der Muttersprache erzogen werden könne. Lediglich die jüdischen Heißsporne rechts und links (extreme Zionisten und Bundisten) haben es erreicht, daß jene Anmerkung: „In den jüdischen Schulen sind die Unterrichtssprachen jiddisch und hebräisch" in zweiter Lesung angenommen wurde, im Gegensatz zu den Forderungen jener zahlreichen lettländischen Juden, welche wünschen, daß ihre Kinder, wie bisher, in der Sprache erzogen und unterrichtet werden, die in ihren Elternhäusern gesprochen wird oder welche die Eltern für richtig und wichtig halten. Jüdische Schulen in Lettland: Das gegenwärtig bestehende jüdische Schulwesen berücksichtigt die Vielsprachigkeit der Juden in folgender Weise: es gibt in Lettland 157 jüdische Schulen (darunter in der Hauptstadt Riga 54), und zwar: 65 Grundschulen, 20 Mittelschulen, 17 Kindergärten, 55 andere jüdische Schulen (pädago- 29 449