Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Das jüdische Schulwesen in den Baltischen Randstaaten
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 451 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Schulwesen in den Baltischen Randstaaten B. Estland. Am 5. Februar 1925 hat die kleine Republik Estland, als erster Staat mit gemischter Bevölkerung, den Minderheitsvölkern kulturelle Autonomie gesetzlich gewährleistet. Nach diesem Gesetze hat jede Minderheit das Recht, einen öffentlichrechtlichen Verband (= Kultur-Selbstverwaltung) zu begründen, der von sich aus die Verwaltung, Organisation und Überwachung des Schul- und Bildungswesens übernimmt. Um die Zahl der Personen festzustellen, welche diesem Verbände anzugehören wünschen, wurde ein Nationalregister aufgestellt, aus dessen Zahlen zu ersehen war, ob eine Minderheit in hinreichender Geschlossenheit und Anzahl die selbständige Verwaltung ihrer Kultur wünscht. Das Register ergab folgende Statistik über die in Estland lebenden Minderheiten: (Esten selbst 969 976 oder 87,70/0) Russen 91 109 „ 8,20/0 Deutsche 18319 „ 1,7% Schweden 7 85o „ 0,70/0 Juden 4 566 „ o,4% Dank der Tätigkeit der deutschen Abgeordneten wurde erreicht, daß nicht, wie anfangs vorgesehen, einer Minderheit von 8000, sondern von nur 3ooo Seelen das Recht auf kulturelle Selbstverwaltung zusteht, Durch diese Zahlenfestsetzung erhielten auch die Juden Estlands das Recht auf Autonomie. Sie beschlossen auf der ersten Sitzung des jüdischen Kulturrates (Juni 1926), die autonomen Rechte zu einer Entwicklung jüdischer Erziehung und Kultur auszubauen. Bei der Beratung über die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Estlands schuf die Talsache, daß die Muttersprache der Juden nicht eindeutig feststeht, dieselben Schwierigkeiten wie in Lettland. Die Juden Estlands sprechen russisch, jiddisch und deutsch. Trotzdem beschloß der jüdische Kulturrat in Reval, daß die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Estlands hebräisch sein sollte; als Hilfssprache sei, bis die Hebraisierung durchgeführt wäre, die jiddische Sprache im Unterricht zu benutzen. Die jüdische Elementarschule in Dorpat mit bisher jiddischer Unterrichtssprache erteilt den Unterricht bereits in hebräischer Sprache, während im jüdischen Gymnasium in Reval mit bisher jiddischer Sprache allmählich auf das Hebräische übergegangen wird. Die jüdischen Schulleiter hatten sich an die estnische Regierung mit dem Gesuch gewandt, daß die zahlreichen jüdischen Kinder, die zurzeit die deutschen oder russischen Schulen besuchen, zwangsweise in die jüdischen Schulen überführt wurden; mangels einer gesetzlichen Unterlage konnte die estnische Regierung diesem Gesuche nicht stattgegeben. C. Finnland. Die Zahl der Juden in Finnland ist recht gering. Finnland hat 3,3 Millionen Einwohner, darunter 1700 Juden oder o,o5o/o der Gesamtbevölkerung; davon leben io5o Juden in Helsingfors, 35o in Abo (an der Westküste Finnlands) und 3oo in Wiborg (in der Nähe der russischen Grenze). Die reiche jüdische Gemeinde in Helsingfors besitzt seit dem Jahre 1921 eine eigene jüdische Schule, die ganz vorzüglich ist. Einen Kampf um die Unterrichtssprache brauchten die Juden Finnlands nicht zu führen. Zwar hat man im Innern Finnlands von jeher nur finnisch 45t