Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 438

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Geist und Weisheit des Werkunterrichts
Date
1927-10-01
Page
438 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898172--02231-2898288
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Michael Müller-Claudius scheiden, zum Prüfen und Proben — zum hingebenden Verstehen zwingt, ohne die kein technischer Arbeitsversuch gelingt Die Klasse bindet viel weniger als die Werkstatt Alles Abstrakte ist für das Sand Zwang. Alles Konkrete macht es willig, froh, eifrig. Hier erschließt es sich. Zudem ist jede Werkstattarbeit Gemeinschaftsarbeit Sie zeigt, wie gedeihlich das Zusammenarbeiten ist, der Austausch von Erfahrungen und Versuchen, der Einsatz und die Verwertung besonderer Begabungen. Hier bildet sich eine Kameradschaft, die vertieft ist durch das Erlebnis gegenseitiger Bereicherung an jeder Erfahrung, jedem Versuch, jedem Vorschlag. Hier ist kein Haß. Hier ist sachliches Verstehen und Nehmen jeder Arbeitskraft Hier, im klaren, kühlen Licht der Arbeit, werden wie nirgends sonst gesellschaftliche, konfessionelle, politische Gegensätze, oft genug durch Traditionen des Elternhauses an das Kind herangebracht, aufgelöst Hier steht Mensch neben Mensch, Hilfe um Hilfe. Der „Intellektuelle" ist leicht überheblich. Das Kind, das aus einem Hause mit vorwiegend intellektueller Kultur kommt ist oft vorzeitig skeptisch, kritiklüstern, sehr schnell mit dem Urteil fertig und sehr freigebig mit seiner souveränen Meinung. Dadurch aber stößt es leicht ab — wde es sich selbst leicht betrügt und um den Wert vorsichtigen Wägens bringt Ersichtlich ist auch hier der Werkunterricht ein wundervolles Ausgleichsmittel. Hier gilt keine elegante, aphoristische Wortgeschicklichkeit Hier zergeht sie wie eine Seifenblase. Hier wird gleichsam der Sinn für vorsichtig-wägsames Denken in das Kind hineingebaut 5. Schließlich muß noch eines weit verbreiteten Irrtums gedacht werden: Man meint häufig, daß der Werkunterricht für alle die nicht in Frage kommen könne, die in den wissenschaftlichen Klassenleistungen schwer den Anforderungen zu genügen vermögen. Solche Schüler lenke die Werkstatt unzweckmäßig ab. Allein diese Meinung wurzelt in einem psychologischen Fehlschluß. Die Beobachtung ergibt dieses Bild: Einem Schüler, dem es an theoretischer Begabung gebricht, ist fast durchweg ein Ausgleich in manueller Begabung von der Natur mitgegeben. Wenn nun ein Knabe Jahr um Jahr fühlt, wie unzulänglich er den Klassenanforderungen gewachsen ist, so hat dies allmählich ein Verdumpfen und 438

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.