Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Geist und Weisheit des Werkunterrichts
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 439 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Geist und Weisheit des Werkunterrichts schließlich ein Ersticken seines gesunden Selbstbewußtseins zur Folge. Der Domenkranz der Minderwertigkeitsgefühle flicht sich stechend um die junge Seele. Die Arbeit für die wissenschaftlichen Fächer wird als zwecklos, als Qual empfunden, die Furcht vor den ständigen Mißerfolgen ertötet die Arbeitsenergic — und so wird der Junge in seinen Leistungen schwächer und schwächer. Wille und Kraft zur Konzentration erlöschen. Sein Charakter wird in höchst gefährlicher Weise entwertet Versuchen wir es: lassen, wir ihn trotz alledem zum Werkunterricht gehen. Hier wird seine manuelle Befähigung ihn rasch und sichtbar fördern. Hier wird er nicht unter den „Letzten" sein. Hier wird er die fruchtbare Freude am Tun und am Erfolg verspüren, die ihm in der Klasse versagt blieb. Und von hier aus werden wir mit Erstaunen einen Prozeß der Wiedergeburt in seiner Seele erleben. Denn die Werkstatt befreit ihn von seinem Ohnmachtsgefühl. Er erlangt wieder Selbstbewußtsein. Sein Wille stählt sich in freudigem, gelingendem Tun. Seine Konzentrationsfähigkeit stärkt sich — immezr wieder aber zeigt sich, daß alle diese wiedergewonnenen Energien allmählich auf die Klassenarbeit angewandt werden. Mit neuer Beharrlichkeit und Zähigkeit, die die Eltern in schmerzlichem Beobachten verloren glaubten, geht er ans Werk, und aus dem „trägen", d. h. mutlos verzagten, nicht mehr wagenden Schüler wird ein Junge, der trotz seiner schwerfällig arbeitenden theoretischen Begabung auf Grund seiner Arbeitsenergie und seines neubelebten Selbstbewußtseins sich an den Durchschnitt der Anforderungen heranarbeitet 6. Die Schülerwerkstatt ist pädagogisches Neuland, das leider von allzuvielen Eltern noch nicht entdeckt ist Ein flüchtiger Blick in dieses Neuland indessen zeigte uns die reinigenden und charakterbildenden Kräfte, die in ihm schlummern. Und deshalb sollte man alle Einsichtigen bitten, diese Kräfte nicht weiter nutzlos schlummern zu lassen. Laßt sie hineinwachsen in eure Kinder. Weckt Verständnis für den Geist und die Weisheit des Werkunterrichts, vor allem bei den Elternbeiräten. Wenn aber eure Kinder eine Schule besuchen, die noch keinen Werkunterricht eingerichtet hat, so fordert ihn ausdrücklich vom Schulleiter, vom Magistrat, von der Schulaufsichtsbehörde. Ihr fordert Segen für die werdenden Menschen und für die geistige Volksgesundheit. 439