Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Geist und Weisheit des Werkunterrichts
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 437 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Geist lud Weisheit des Werkunterrichts um mit dem Messer einen glatten und glänzenden Schnitt in der Pappe zu erzielen oder ein Brett selbst von kleinstem Ausmaß nicht nur glatt zu hobeln', sondern: gleichmäßig glatt zu hobeln. Und doch gerade darin, daß dem Erfolg stetig die Mühe des Erfahrens, des Übens, des Bezwingens und Ringens mit der Tücke der Materialien vorangeht, liegt der hohe Wert des Werkunterrichts. Eben dadurch bildet er den Willen. Zuvörderst den Willen zur Sachlichkeit Keine einzige Gelegenheit aber sollte versäumt werden, unsrem Volke zu dieser Sachlichkeit zu verhelfen. Hier wird zudem der wirtschaftliche Arbeitswert begriffen. Dem Schüler geht in Fleisch und Blut über, daß der Arbeitswert den Materialwert in den meisten Erzeugnissen übertrifft — und dies um so mehr, je mehr Qualitätsarbeit geleistet wird. Hier lernt er die Prinzipien der Preisbildung sachlich begreifen. Aber er versteht auch, wieviel Charakter in jeder Handarbeit steckt, die der Handwerker leistet Eine Brücke des Verstehens wird geschlagen von der Kopfarbeit zur Handarbeit Hochachtung vor der Arbeit des Meisters — Urteilsfähigkeit für Qualitätsarbeit, das sind Ausrüstungen, die allzuvielen Intellektuellen fehlen und sehr viele Mißverständnisse zwischen den Schichten des arbeitenden Volksganzen forträumen können. Wie wird hier der Wille zur Präzision zum festen Charakterbesitz gemacht! Man kann immer durch ein Wort, durch eine kecke Wendung in theoretischen Dingen eine mangelnde präzise Denkarbeit verdecken. Aber das konkrete Arbeitsmaterial läßt sich keinen Augenblick des Schlenderns gefallen; ein einziges Obenhin und Ungefähr stellt alles in Frage. Ein einziger Mangel an Präzision entwertet das Werk. Die Materie ist unbarmherzig. Sie kennt nicht die Flucht in die Phrase. Sie deckt auf. Sie ist rachsüchtig und duldet keinen Augenblick der Willensschwäche und der Oberflächlichkeit 4. Nur das Wahrhaftige, das Gediegene der Arbeit, nur der Sinn für das Echte und Eigengesetzliche des Materials führen in der Werkstatt zum Ziel. Gerade im Pubertätsalter neigt das Kind zum Verstiegenen, zum launenhaften Wechsel, zum eiligen Urteil. Ich habe in dem Aufsatz „Das jüdische Kind in der Schule" in diesen Blättern gezeigt1), welche tiefgreifenden Gefahren das mit sich bringt Es gibt kein heilsameres Gegengewicht gegen diese Pubertätserscheinungen, als die Werkstatt, die immer wieder zur Sachlichkeit, zum Bei) Nr. i, III. Jahrgang. 437