Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Geist und Weisheit des Werkunterrichts
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 435 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Geist und Weisheit des Werkunterrichts Der Lehrer muß helfen- Mit hastigen Fragen, die sich gleichsam überkugeln, wird er bestürmt — aber es bleibt nichts andres übrig als einzusehen, daß hier jedes Kind sich selber helfen muß, daß jede Hand sich selber durch eigene Übung schulen muß. Kein Rezept ersetzt die Übung. Übung ist unbequem. Das Kind ist ungeduldig. Es schafft gern — aber es ist gern schnell fertig. Hier nun erlebt das Kind den Übergang vom Spiel (das immer schnell zum Ziele kommt) zur Arbeit, die Opfer erfordert, weil sie verfeinerte und größere Kräfte erfordert als das Spiel. Am eigenen Leibe, der eigenen Hand, dem eigenen Auge erlebt das Kind, daß es nie zu seiner stolzen Burg kommen wird, daß es nie die Freude genießen wird wie die anderen kleinen Werkmeister, die alle die lustigen, farbenblühenden Bilder geklebt haben, wenn es nicht seine Hand mit allerlei Mühe, Verdruß, Enttäuschung und neuem Willen, neuer Zähigkeit so geschickt macht, daß die Schere sicher und glatt schneidet, auch um zarte Biegungen so hurtig gleitet, wie man es ihr zunächst garnicht zugetraut hätte und dabei nicht plötzlich zu weit hineingreift — denn dann ist im Nu der „Wald" vernichtet, ein „Turm" eingefallen oder der Himmel zerschlitzt Wie oft muß der Burgbau ganz von neuem begonnen werden, ehe man der Hand trauen kann — aber welches Hochgefühl ist es, wenn man mit erhobenem Kopfe dieses Zutrauen als eine Gewißheit fühlt und aufatmend sagen darf: „loh kann's". Aber nicht nur die Hand hat viel zu tun, ehe dieses aufatmende „Ich kann's" von stolzen Jungenlippen kommt Dem Ausschneiden geht eine Skizze in Bleistift voran. Und die Schaulust des Kindes, die Unersättlichkeit seiner Schaulust schwelgt nun bald in dieser Skizze. Zahllose Zinnen und Zinnchen, Türmohen, Höfe, Fenster, Tore, Bäume entstehen da — und wenn dies Wunderwerk fertig ist, dann zeigt sich, daß man es für die eigentliche Silhouette gar nicht brauchen kann. Der Wald der Skizze ist vielleicht sichtbar bis in die einzelznen Zweige. Ein so „schöner" Wald zerfällt in der Silhouette. Und so muß man sich bescheiden lernen. Man begreift, daß das Material und die Technik Eigengesetze haben, denen man sich fügen muß. Idee und Stoff stoßen aneinander. Und ein Werk entsteht nur, wenn man die schönen Gebilde der eigenen Phantasie mit den herben, grenzenden Forderungen des Materials in Einklang bringt Somuß also unser Burgenbauer sich bescheiden, er muß vieles in seiner Zeichnung opfern, alles Kleinliche und Einzelne zusammenziehen zu großen, 28* 435