Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Geist und Weisheit des Werkunterrichts
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 434 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Michael Müller-Claudius sehen, sondern nur die Burg, die Burg ganz oben auf dem scharfen Felsen... Und als die Geschichte verklungen ist und der Lehrer fragt, ob wohl einer Lust hätte, daß nun die Burg, so wie jeder sie innerlich geschaut, gestaltet werde — da ist kein einziger, dem das jubelnde Ja nicht aus vollstem Herzen kommt Denn das Wesen des Kindes drangt schöpferisch-naturhaft von innen nach außen. Es will nicht nur schauen; alle Schau verlangt in ihm nach Form Wir erinnern uns, daß Herder zuerst diesen kindlichen Genius des Schaffens nachgefühlt, beschrieben und verteidigt hat — jenen Genius des Schaffens, den wir oft genug auch im Spiel beobachtet haben, und uns dünkt, daß das, was hier unser Werklehrer beginnt, nichts anderes ist als solch ein Spiel Nun wirft der Lehrer ein Bündel farbiger Papiere auf den Tisch und holt aus den Schranken eine Menge farbiger Silhouetten, die von früheren Werkkursen herstammen: „Seht, wir wollen die Burg nicht nur zeichnen und nicht nur malen, sondern wir wollen sie schneiden und kleben. Alles könnt ihr dabei anbringen, was ihr wollt: Himmel, Wolken, die Burg, den Berg,- und in welchen Farben ihr es schneidet, macht ihr ganz allein mit euch selber ab." Mit Eifer fahren die kleinen Hände über die dargereichten Muster- Silhouetten: Freilich, das ist eine schöne und einleuchtende Kunst Alles auf diesen Silhouetten steht ganz anders da als in der Zeichnung oder im Aquarell. Das scharfe Entgegengesetztsein der Papierflächen ohne das Hilfsmittel der Linienkontur gibt der Silhouette eine Klarheit, eine Körperlichkeit, wie sie nur noch von der Plastik der Wirklichkeit selbst erreicht wird. Und diese scharfe Plastik ist wiederum ganz nach dem Sinn des Kindes, zumal schon von den bunten Papieren eine Sattheit und Pracht der Farbe ausgeht, die wiederum mit der Wasserfarbe nie erreicht werden kann. Nun ist erreicht, was erreicht werden muß, wenn das Spiel zu bildender Arbeit werden soll: Entschluß und Ziel sind gefaßt Nicht in der Form einer Aufgabe sind sie von außen an das Kind herangebracht, sondern sie sind lebendig, aus eigener Freude im Kinde selbst erwacht Nun soll sein Wille aus dem Entschluß sichtbare Tat gestalten. Aber wie? Hier ist die Schere, hier sind die Papiere, und da das Kind „inwendig voller Figur" ist, um ein gutes Wort Meister Dürers zu brauchen, schwelgt es mit tausend farbenlustigen Plänen in den Papieren — aber es traut sich nicht, die Schere anzusetzen: ratlos steht es vor der Einsicht, daß die Geschicklichkeit der Hand dem Willen nicht zu folgen vermag. 434