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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 433

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Geist und Weisheit des Werkunterrichts
Date
1927-10-01
Page
433 (sequence 2)
Language
German
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Michael Müller-Claudius: Geist und Weisheit des Werkunterrichts Fragen heben an: Hat dieses Basteln überhaupt einen Sinn im System der höheren Schule? Ist es nicht lediglich Spiel und Zeitvertreib? Ja, züchtet man in diesen Schülerwerkstätten nicht etwa gar den Dilettantismus? Soll man den Jungen, namentlich wenn seine Arbeiten in den wissenschaftlichen Fächern nicht eben leicht von ihm bewältigt werden, nicht lieber warnen, daß er seine Zeit nicht vor der Drehbank verschwende, daß er sich hier nicht unnötig zerstreuen und ablenken lasse?... Der gewissenhafte und jugendpsychologisch erfahrene Schulmann aber wird antworten: Nein! Man soll ganz und garnicht vor dieser „Ablenkung" warnen, sondern man soll sie empfehlen. Man soll endlich anfangen, sich Gedanken über den Sinn und das Amt dieser Schülerwerkstatt zu machen, die pädagogisches Neuland ist, das seit Kerschensteiners Einsicht in das Wesen der Arbeitsschule schrittweise erschlossen wird — Neuland, in dem sich dennoch ganz entscheidende,.charakterbildende Erlebnisse vollziehen und das für manchen Jungen ebenso seelisch heilsam geworden ist wie Bergluft für erschöpfte Lungen. 2. Pädagogische Dogmen, psychologische Deduktionen und theoretische Leitsätze sind keine guten Führer in das Neuland der Schülerwerkstatt Hier bleibt jeder ratlos, der nicht mit dem Auge begreift Hier überzeugt nicht das Wort, sondern die Hand. Wir steigen deshalb abermals die Hintertreppe hinunter, gehen noch einmal an den Kokskellern vorbei und besuchen eine kleine Schar von Quintanern und Quartanern, die eben zu einem „Kursus für Papparbeit" zusammen-! geschlossen worden sind, die also lernen sollen, mit Papier und Pappe umzugehen, und die ebenso wie wir sorglos davon überzeugt sind, daß hier weder an die Körperkraft noch an die technische Geschicklichkeit nennenswerte Anforderungen gestellt werden können. Papier und Pappe sind den Kleinen und den Großen als Spielmaterial in der besten und liebenswürdigsten Erinnerung. Und in der Tat: liebenswürdig wie die Erinnerung ist der Beginn der Arbeit Der Werklehrer liest eine Geschichte vor, darin eine Burg auf steilem Berg eine große Rolle spielt Geschichten und Burgen auf steilen Bergen sind immer nach dem Herzen der Quintaner und Quartaner. Wir sehen, wie ihre Backen rot werden beim Hören, wir sehen ihren blanken Augen an, daß sie nicht den Lehrer, nicht die Werkstatt und am wenigsten uns mehr 28 433

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