Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Geist und Weisheit des Werkunterrichts
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 432 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Geist und Weisheit des Werkunterrichts. Von Midiael Müller-Claudius Wer etwa einmal die Schülerwerkstatt einer modernen höheren Lehranstalt besuchen will, der wird einen etwas ungewöhnlichen Weg geführt: Er muß die lichten, hohen Wandelhallen hinter sich lassen, er wird zu einer Hintertreppe geführt, die zu den Kellern mündet; an den Kokskellern und der Heizungsanlage vorbei geht's dann zu einer Stalltür, und dahinter dehnt sich ein Raum, mit Mühe freigemacht für Hobelbank, Drehbank, Geräteschränke, Arbeitstische. Hier geht der „Werkunterricht" vor sich. Man merkt es schon dem Räume an: er ist ein Stiefkind der Schule. Denn „Werkunterricht" — das ist kein angesehenes Fach, ein Fach, zu dessen Teilnahme niemand verpflichtet wird, ein Fach, über das in den amtlichen „Richtlinien" kein Wort gesagt wird und für das auf den Zeugnisformularen keine Rubrik vorgesehen ist Selten auch wird der Werkunterricht von einem Mitgliede des planmaßigen Kollegiums abgehalten. In der Regel ist der Werklehrer den meisten Schülern und erst recht den meisten Eltern kaum dem Namen nach bekannt Denn am Anfang eines Schulhalbjahres werden die Schüler, die am Werkunterricht teilzunehmen wünschen, in besondere Kurse zusammengefaßt, zweimal wöchentlich hält der Werklehrer diese Kurse ab — und alles dies spielt sich sozusagen neben dem Rahmen der eigentlichen Schulpensen ab. Man nimmt nicht viel Notiz davon, es macht niemandem Sorgen, kaum jemand macht sich einen Gedanken darüber — und wenn an einem Winternachmittag im Schein der Lampen die Jungen da vor Hobelbank und Lötkolben stehn oder Bücher einbinden und Leuchter schnitzen und etwa der sorgliche „Elternbeirat" auf einem Rundgang auch bei ihnen vorspricht, dann kann man manche gerunzelte Augenbraue sehen und manches Kopfschütteln. Und die 432