Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Synagogale Kunst und ihre Gestaltung auf der Juryfreien Kunstausstellung Berlin 1927
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 429 (sequence 4)
- Language
- German
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- Seesen 1× ep/1048106
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Synagogale Kunst und ihre Gestaltung auf der Juryfreien Kunstausstellung Berlin 1927 Prag aus dem x3. Jahrhundert folgt diesem Bauschema, das in der schönen Holzsynagoge von Kuraik (Posen) noch durch die als Baldachin hinübergezogene Decke stärker betont wird. Daran gemessen, kann man tatsachlich nur die Bauten des 19. Jahrhunderts mit Grotte als einen gewissen Rückschritt betrachten, wenn sie auch rein architektonisch-künstlerisch gesehen noch so bedeutsam sein mögen. Die Assimilierung an den evangelischen Kultus, die der Finanzrat Israel Jakobsohn als Programm aufstellte und die in der 1810 erbauten Synagoge in Seesen ihren baulichen Ausdruck fand, gab dem Problem des Synagogenbaus dieselbe Richtung wie dem protestantischen Kirchenbau: man errichtete Zentralbauten, aber grade in ihnen offenbart sich das völlige Auseinanderfallen der kultischen und baulichen Mitte. Der kultische Platz wird ganz an die Peripherie geschoben, der Almemor verschwindet, der Schulchan erscheint vor der Kanzel als Mensa. Ein wirklicher kultischer Gewinn ist die oft verpönte Einführung der Orgel, die zu neuer gottesdienstlicher Gewinnung kultischer Musik verhilft Auch die Neubauten der Synagogen in Posen (Kremer und Wolfenstein), in der Fasanenstraße zu Berlin (Hessel), in Essen (Prof. Körner) lassen bei ihrer künstlerischen Vollendung doch nicht übersehen, daß sie kultisch (die orthodoxen genau so wie die liberalen) einen Verfall bedeuten. Ich habe absichtlich ausführlich die Sachlage dargelegt, um an der hervorragenden Leistung Harry Rosenthals zu zeigen, welche kultische, nicht bloß künstlerische Bedeutung sein Bauwerk hat Es ist offenbar, wie dieser Raum den vorher entwickelten Forderungen entspricht In der Mitte auf geringer Erhöhung der Almemor; um ihn herum sitzen die Ältesten, denen nach der oben angeführten talmudischen Weisung die andern gegenüber sitzen. Im Osten der Thoraschrank, rechts von ihm der Platz für den Chor, links eine Sakristei. Gegenüber die Frauenempore. So entspricht dieser Raum völlig den kultischen Forderungen. Und von ihnen aus gestaltet sich, weil sachlich richtig, auch die künstlerische Form. Ganz unproblematisch ist der fast quadratische Raum ohne jede Ornamentik und dekorative Elemente gegliedert Grade klare Linien, ruhige Wandflachen, nach dem Allerheiligsten hin in zwei sich verengenden Nischen sich vertiefend, umfassen wirklich die Andächtigen zu einer Familie, weil der Raum zusammenhält Aus der Mitte der Gemeinde tritt der zur Verlesung der Thora Berufene empor und steht in ihrer Mitte. Künstlerisch bedeutsam ist die Zuführung des Lichtes nicht durch seitliche Fenster, sondern von oben her. Auch für die künstliche Beleuchtung 429