Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 427

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Synagogale Kunst und ihre Gestaltung auf der Juryfreien Kunstausstellung Berlin 1927
Date
1927-10-01
Page
427 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898171--02219-2898277
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Curt Horn: Synagogale Kunst und ihre Gestallung a.d. Juryfreien Kunstausstellung Berlin 1927 unverantwortliches Versagen, wollten die Religionsgemeinschaften die neugewonnene religiöse Geistigkeit nicht nutzen. Die Spitzenleistungen sind nicht da erstanden, wo ein allgemeines, unklar verschwommenes religiöses Empfinden sich ausdrückte, sondern wo die Künstler konfessionelle Räume schufen: Bartaings Taufkapelle für die evangelische, Fahlbusch-Hitzbergers Kapelle für die katholische Kirche und Rosenthals Synagoge für die jüdische Kultgemeinschaft Es muß an dieser Stelle hervorgehoben werden, daß die leider oft gehörte Meinung zu Unrecht ausgesprochen wird, als ob das Judentum unserer Zeit unfähig wäre, religiöse Werke zu schaffen. Hier zeigt es sich, daß starke innerliche Kräfte in ihm lebendig sind, die am gegebenen Platz sehr wohl zu kultisch-religiöser Schöpfung sich auswirken. La meinem Buch „Kultur und Kunst" (Furche-Verlag, Berlin 1925), habe ich in dem Aufsatz „Kultraum und Kultstätte" für den christlichen Kirchbau ausgeführt, daß durch alle Zeiten das Problem der Übereinstimmung von baulichem und kultischem Mittelpunkt sich hindurchzieht Man kann auch bei der Basilika in dem Sinne von einem Zentralbau sprechen, daß auch in ihr alle Bauteile auf ein bauliches Zentrum des Grundrisses bezogen sind, das mit der Kultstätte zusammenfällt So sind in den alten Basiliken die Altäre nicht etwa in den letzten Punkt der Blickrichtung gesetzt, sondern in das durch die Kreuzung von Lang- und Querschiff gegebene bauliche Zentrum der Vierung. Auch dort erfolgt eine Zentrierung des Raumes um die Kultstätte, die im Langschiff die zahlreiche Gemeinde, in den Querschiffen und im Presbyterium die Priesterschar zusammenschließt Dieselbe Entwicklung zeigt sich im synagogalen Kultbau. Auch von ihm gilt, was Gurlitt für den christlichen Kirchenbau fordert, daß die Liturgie die Bauherrin sein müsse. Die Kultusreform Esras bringt die Einführung der Vorlesung aus der Thora vor versammeltem Volke. Schon im Tempel dient die Quaderhalle als zweites Heiligtum diesem Zweck der Synagoge (Hamburger Artikel „Synagoge" in Realencyklopädie für Bibel und Talmud). Es ist wohl doch nicht ganz richtig geurteilt, wenn Grotte in seinem ausgezeichneten Buche über die deutschen, böhmischen und polnischen Synagogentypen des 11. bis 19. Jahrhunderts keine Möglichkeit fortschreitender Entwicklung des Synagogentyps erkennen will, weil es an einer regelnden Zentralinstanz gefehlt habe und weil die dauernden Bedrückungen hindernd einer Entwicklung entgegengewirkt hätten. Es ist ein Zeichen für die innere religiöse Kraft des Judentums^ daß trotz dieser Hinderungen baulich interessante Lösungen gefunden wurden. 427

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.