Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 409 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Herder und die Humanität seine Anfälle wenigstens lindre und mindre." *) Die ergreifend gelassene Vorlesung „über Wahn und Wahnsinn der Menschen und Völker" entläßt uns mit einem bescheidenen Trost: „Zuletzt gilt ein lange und vielgeläuterter Wahn den Menschen für Wahrheit"2) Bis zum Siegeszug des Genius der Erleuchtung hat es gute Wege. IV. „Die beste Kultur eines Volkes ist nicht schnell." 3) Sie wird durch „eine schnellere Betreibung der Geschäfte" nicht gefördert Joseph II. wollte „der letzten Absicht nach, lauter Billiges, Nützliches, Gutes4) und dabei vergriff er sich an „den verschiedenen Sprachen seiner Völker". Programmatische Menschenliebe drängt zur Gewalt und verleugnet damit ihren ursprünglichen Antrieb. Das Zentrum der Humanität liegt anderswo: „Durch guten Glauben hängt das Menschengeschlecht aneinander, durch ihn haben wir wo nicht Alles, so doch das Nützlichste und Meiste gelernt"5) Kraft des guten Glaubens aneinander wächst das Ich am Ich, und in der Ansteckung des Wahnes noch „vertraut" einer dem Anderen „die Lieblingsmeinungen seiner Ichheit an".6) Herder spürte die zeitlose Ewigkeit wie nur Lessing sie in sich trag, aber nicht als beruhigte Erfülltheit, sondern als einen horror vaeui. Er verbrauchte also für seinen seelischen Haushalt viel Geschichte; und hat sich dennoch in dies Wellenspiel nicht verloren, hat sein Ich und das Ich immer wieder ans Ufer gerettet Wenn wir schon auf die Perfektibilität des Menschengeschlechts Verzicht tun könnten, die Vollendbarkeit jedes Ich vermöchten wir doch nicht preiszugeben, und da kleidet sich uns diese Vollendbarkeit unversehens in jene. Wir können uns ja auch die Entfaltung des Selbst nur unter dem Bilde eines zeitlichen Vorrückens denken, und wissen doch, daß ein Gleichnis keine Gleichung ist Tauschen nicht vielleicht die beiden Vorgänge Mittel und Zweck herüber und hinüber, einer das Sinnbild des anderen? Die zeitliche. Bewegung der Menschheit erschüttert wie ein Schauspiel, der Beruf des Menschen erfüllt sich in jeder besonderen Bewußtheit7) Hier tritt die Verwandtschaft der 2) 17, 233. 3) i7> 59. *) *7» $9- 5) 17, 23o. t) *j; 229. 7) „Einheit unserer Kräfte also .... dies ist das Problem, das uns am Herzen liegen sollte, weil jedem es sein innerstes Bewußtsein und sein Bedürfnis stille und laut saget" (18, 29Sf.). „Das Ganze lebet nur in seinen Gliedern" (18, Sog). 409