Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 408 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Fritzsche weniger klirrend von „Fortgang" — er ist uns nicht mehr so selbstverständlich und für den „Zeitgeist" gar zu schwärmen fällt uns schwer. Wie steht es denn aber damit bei Herder? Er sagt1): „Wie physisch, so ist auch moralisch die Menschheit im ewigen Fortgange und Streben." „Nur stelle man sich die Linie dieses Fortganges nicht gerade, noch einförmig, sondern nach allen Bichtungen, in allen möglichen Wendungen und Winkeln vor", und keine von den hingezeichneten Bahnen genügt ihm, weder die Asymptote, noch die Ellipse noch die Cykloide.2) Wer so vorsorgt, der sichert sich eine Unbestimmbarkeit, der hat es nicht nötig, nach moral progresses ängstlich Ausschau zu halten. Herder betrachtet die Politik seiner Gegenwart lebendiger teilnehmend als Goethe und Schiller auf der Höhe ihres Lebens, er taucht nicht in Natur ein und er richtet kein Beich des Schönen auf, er wohnt näher am Volke und die Staatsraison verwirrt ihn nicht, an ihm zehrt eine edle Ungeduld. Wir bemerken aber auch, wie anstürmender Mut und eine Art Schwellenfurcht sich überkreuzen, wie er gern vorstieße und dann doch zaudert, ohne freilich ein Auge von dem Blachf eld zu verwenden. Schon die politischen Erwägungen des Beisejournals durchbebt solches Zagen im Wagnis: die Zartheit einer Menschennatur fällt ihrer Stärke in den Arm Auch an äußeren Hemmungen hat es ja nicht gefehlt, doch auch ohne sie wäre Herder, trotz verwegener Anläufe im handschriftlichen Entwurf, diesseits der Linie geblieben, die Literatur von Publizistik scheidet Humanität ist eine Aufnahmestellung, keine vorgeschobene Bastion, eine Gesinnung, kein Programm. Gesinnung auszusprechen war Herders zugewiesener Beruf, er war „im Wollen tätig"3), und dieses Herdersche Wollen hätte sich im politischen Handeln verkargt Humanität als solche reicht für Gesellschaft und Staat nicht aus, weil sie über beide hinweglangt Die absehbare Zukunft versprach ihm und verspricht uns kaum einen Vortag des messianischen Zeitalters. So danken wir Herder, daß er den Abbe von Saint-Pierre zu Ehren bringt, „dessen Grundsätze, dessen Wrünsche, dessen Hoffnungen" heute erst recht „der Geist aller Guten und Würdigen in Europa" *) geworden sind, und so dämpfen wir zugleich unsere Zuversicht auf die zeitliche Nähe des ewigen Friedens: „Der große Friederich nannte die Kriege Fieberanfälle der Menschheit Dem Fieber ruft man einen Arzt, ... der 1) 17, 122 und 118. 2) Vergl. auch 17, n3 und 18, 329. 3) 20, 293. *) 17, 276. 408