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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 407

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Herder und die Humanität
Date
1927-10-01
Page
407 (sequence 6)
Language
German
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Herder und die Humanität Empfinden ein. Derart vervollständigt der Andere mein Menschentum wie ich das seine Leibniz beschreibt diese Wechselwirkung der „Geister oder vernunftbegabten Seelen"*): „Ihre Vollkommenheiten haben das Eigentümliche, daß sie einander am wenigsten hindern, oder vielmehr, daß sie sich gegenseitig behilflich sind (s'entraident)".2) Mit dem stoischen Gedanken der menschlichen Gesellschaft berührt sich diese Humanität, aber sie fällt nicht damit zusammen. Marc Aurel zürnt keinem Verblendeten, er verwahrt sich aber in dem Tempel seines Inneren und überläßt ihrem Schicksal „solche Leute, die mit sich selbst nicht zufrieden sein können".3) Rousseaus Emile hätte dem Gesamtwillen des „Gesellschaftsvertrags" widerstrebt oder er hätte seine persönliche Satzung dafür ausgegeben. Wenn nämlich der Einzelne vereinzelt, da versachlicht er gar leicht das Gebild seiner Wünsche und stellt es herrisch an den Tag. Das einem Ideal zugebildete menschliche Wesen wird dann ein außermenschliches Etwas. Bei dem Stoiker ist das die Gottheit und das All, bei Rousseau der erstarrte Begriff des Menschen selbst, bei beiden die „Natur" und das Gute und die als ein selbständiges Gegenüber gesetzte Vernunft Aber konnte denn Herder ohne ein solches Gegenüber oder Darüber auskommen? Bleiben denn bei ihm wir Menschen als ein freier Verband der Einzelnen unter uns? Geht es nicht auch ihm um eine herrische Idee, um die Vervollkommnung des Menschengeschlechts als Gattung, und bleibt denn neben dieser die perfektible Monade unversehrt? Wiederum erstaunen wir über den Nachhall des Reisejournals in den Briefen4): „Das Menschengeschlecht wird nicht vergehen, ... bis der Genius der Erleuchtung die Erde durchzogen",, und hier 5): „Plus ultra, ist der Spruch der Menschheit, plus ultra! Kein Herkules hat an ihre letzten Säulen gereicht; niemand wird sie erreichen", und es beleidigt uns fast wie eine Vermessenheit, daß Herder Lessings „unsichtbare Kirche" sichtbar macht, daß er das zweite „Freimaurergespräch" in aufgelockertem Deutsch weiterführt und die Erfinder der Buchdruckerkunst zu Meistern vom Stuhle der Menschheit befördert6) Wirklich! Der „Fortschritt" — das achtzehnte Jahrhundert sprach 1) Monadologie S 8a. 2) Discours de metaphysique S 36. 3j Comm. III. £ Ov xoivw oCds rov naqa zdv totovttav e'jxairov iv Xoyoj tidszeet, otys ovde avroi eavtoig doeaxovtai. «) 4, 353. 5) 17, 109. 6) 17, i3o. 407

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