Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 406 (sequence 5)
- Language
- German
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Robert Arnold Fritzsche Würde und die Grade des Mißverhältnisses zwischen beiden Stücken der Bewußtheit wie alles Bezügliche vor dem nicht weiter Beziehbaren unerheblich werden, da doch auch das Ich des Unscheinbarsten kraft jener nach Vollendung lechzenden Unvollendbarkeit dem Ich des Begabtesten und äußerlich Erfolgreichsten Stab und Stecken wird! Einer Anbetung „großer Männer" hat Herder das Wort nicht geredet, wohl aber einer Verehrung der „größeren".1) Der ihm geläufigere Komparativ wehrt den Gedanken ab, als könne Würde ohne Schwachheit in einem Menschen verwirklicht sein. Die „größeren" sind nicht „groß" schlechthin. Die Humanität zeigt ihre griechische Abkunft: sie kniet vor keinem Sterblichen. Der Verehrende „versetzt sich in" des Verehrten „Gedanken- und Handlungssphäre". Er wird ihn dabei nicht zu sich herabziehen, denn da machte er ja die Hilfe zunichte, die er für sich erwartet, die Bestätigung des Anspruchs auf Menschenwürde. Er wird ihn noch weniger über Menschenmaß hinausheben, denn damit entfiele die Spiegelung von Selbst zu Selbst, auf der nicht nur alles Urteil beruht, sondern auch alles mitgehende Fühlen. Es erweist sich an Herders Äußerungen über Friedrich den Großen, daß die Verehrung zunimmt, wenn Mitleiden — oder darf man genauer sagen: Mit am Menschsein im Andern Leiden? — ihr beiwohnt Weder vom Heroenkult her noch von einem schematischen Menschheitsbegriff aus werden wir den „größeren Männern" gerecht Humanität ist Sehnsucht, ist Hingebung von Ich zu Ich, doch ohne Rausch. HL Im vierten Buche des „£mile" verwendet Rousseau alle Sorgfalt darauf, die „Selbstliebe" (amour de soi oder de soi-meme) von der „Eigenliebe" (amour-propre) zu unterscheiden. Jene waltet durchaus innerhalb der Einzelseele und gelangt über das Mitleid hin zur Menschenliebe, diese vergleicht ihre Geltung mit der Geltung Anderer und beansprucht den Vorrang. Hier stellt nicht das Mitgefühl die Beziehung zu den anderen Menschen her, sondern der Neid. Man darf wohl sagen, daß die Humanität von der Selbstliebe ausgehe und daß sie den Neid nicht an sich heranlasse. Es liegt zunächst die Vorstellung zu Grunde, als könne Ich neben Ich ohne Anstoß, ohne Reibung frei sich entfalten. Das Mitgefühl der Humanität ist auch Mitfreude: das Ich des Anderen geht auch mit dem, was es vor mir voraus hat, in mein sympathisches ») Z. B. 17, 5. 17, So. 406