Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 405 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Herder und die Humanität fahrung eines fortwährenden Getriebenseins, eines Versagens gegenüber diesem Beruf. Durch unsere Schwachheit wird die Berufung verdunkelt, doch niemals ausgelöscht. Humanität nun verleiht dem Einzelnen zum Ausgleich die Fähigkeit, das Selbst anderer Einzelner in seine Vorstellung aufzunehmen, damit er mit deren Schwäche sich tröste, an deren Würde erstarke, und die erweiterte Vorstellung mündet in den Willen zu gegenseitiger Hilfe, denn der Andere gehört ja nun zu meinem Selbst Der Ausgleich dient aber zuvörderst der Ergänzung des Ich. Humanität findet durchaus nur zwischen Einzelnen statt, auch dann, ja dann vor allem, wenn die Teilnahme des Gefühls über das ganze Menschengeschlecht sich breitet Humanität achtet nur auf die tragische Beziehung der Schwäche zur Würde in dem anderen Einzelnen. Was kümmern mich zwischen jener ersten „schüchternen Betäubung" und dem letzten Atemzug Unterschiede des Herkommens, des Besitzes, selbst des Wissens und Könnens oder gar der Macht und Ehre angesichts der erstaunlichen Feststellung eines Zwiespaltes in diesem Ich und in jedem! Daß alle Einzelnen Unvereinbarkeit in sich bergen, darauf gründet sich das Gemeinsame dessen, was Menschenantlitz trägt So bleibt Humanität ganz nahe dem Urgefühl meines Daseins, dem Staunen darüber, daß ich bin. Nicht um eine „Idee der Menschheit" handelt es sich, die ich aus mir gänzlich heraussetze — das wäre ja ein Nicht-Ich —; des Begriffes „Mensch" zeugendes Element muß in jedem Einzelnen stetig nachwachsen, und wenn ich der Berufung zustrebe, darf diese doch nie als etwas von mir Abgelöstes vor mir stehen, sie schwebt mir vor und sie lebt in mir, und meine Schwäche hängt ihr an1), sonst wäre die Erhabenheit der Berufung aufgehoben. Der „Übermensch" 2) setzt dem Menschen keine Elle zu, vielmehr vernichtet er den gewissesten menschlichen Anspruch, indem er ihn in dem Anderen kränkt urfd im Ich zu überbieten sich anmaßt, und, wenn wir allzumal, schon als „Geschöpfe der Sprache"3) auch „Geschöpfe der Herde"*) sind, was für einen Sinn hat es, „Herdenmenschen" zu verachten, da doch gegenüber der Unerschöpflichkeit meines und jedes Ich die Grade der Schwachheit und der x) Als „Regel zum Heil der Menschheit", zu „allgemeiner und einzelner Menschenseligkeit** wird in der Schrift „Von Religionen, Lehrmeinungen und Gebräuchen" (1798) die unennüdlich-iatbereite Erkenntnis „des Göttlichen, aber auch des Schwachen der Menschennatur" aufgestellt (20, x65f.). 2) Herder gebraucht das Wort im Protest gegen Vasallität und Hörigkeit (17,142). 3) 5, 93. *) 5, 112. 405