Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 404 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898168--02193-2898254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Robert Arnold Fritzsche seiner und der Humanität, denn auch diese wandert und wandert und mag keine Grenze noch Gestalt dulden für das Menschentum. II. Wer Herders Reisejournal von 1769 liest und gleich danach die Humanitätsbriefe, von der intimen Niederschrift überraschter Jugend also übergeht zu der für ein breites „Publikum"1) bestimmten Schriftenfolge des vorzeitig hereinbrechenden Alters, dem wird zuerst der Abstand des Stils in die Augien springen: dort gepreßte überquellende Fülle, bei der der Reichtum einfallender Gedanken den Reichtum der Sprache ins Gedränge bringt, hier ein Hinfließen im geräumigen Strombett, mehr redselig oft als redefertig, und schließlich schon nahe der Gefahr der Versandung. Bald aber wird dem vergleichenden Leser die Ähnlichkeit wichtiger als der Unterschied: Wie ist doch der Mann derselbe Mitte der Zwanzig und im Übergang vom fünften zum sechsten Lebensjahrzehnt, und wie ist doch in diesem einen Eigentümlichen Gegensätzliches gesellt: Verzagtheit und Kühnheit! Wie ist doch das Ich des Journals zugleich ein einsames Selbst und die Menschheit in Person, und wie spricht doch durch die „Humanität" der „Briefe" erst recht dieser Johann Gottfried Herder in seiner Kümmernis und seinem Jubel, seinem grenzenlosen Vertrauen, nur daß das müde Ich entschiedener an sein Wir sich klammert! Der Jüngling hatte sich noch zugerufen: „Ich gehe durch die Welt, was hab' ich in ihr, wenn ich mich nicht unsterblich mache!"1) und doch auch schon bekannt: „0 Gott, der den Grundstoff menschlicher Geister kennet, und in ihre körperliche Scherbe eingepaßt hast, ist's allein zum Ganzen oder auch zur Glückseligkeit des Einzelnen nötig gewesen, daß es Seelen gebe, die durch eine schüchterne Betäubung gleichsam in diese Welt getreten, nie wissen, was sie tun, und tan werden, nie dahin kommen, wo sie wollen, und zu kommen gedachten, nie da sind, wo sie sind, und nur durch solche Schauder der Lebhaftigkeit aus Zustand in Zustand hinüberrauschen, und staunen, wo sie sich finden?" 3) Humanität entsteht aus dem Bewußtsein unseres Berufs zur Selbstbestimmung und der Er-!) Herder nimmt in der Beilage zum 57. Briefe (17, 284 ff.) diesen schwebenden Begriff wieder auf, der ihn schon in der Rigaer Festschrift von 1765 (i,i3ff.) gelockt hatte, und der auch aus dem Flutgang des Journals als „neues christliches Publikum" (4, 381) emportaucht. Wenn er am Schlüsse sagt, das „schärfste und edelste Publikum" seien „die würdigsten Männer sich selbst" gewesen (17, 310), so bezeichnet er damit Systole und Diastole seines Menschentums. 2) Ix, 4oi. 3) 4. 348. 404