Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 403 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Robert Arnold Fritzsche: Herder und die Humanität Kant In diesen Mißhelligkeiten des geistigen Verkehrs tritt aber etwas in diesem Manne selbst Unausgleichbares nach außen: die Überlegenheit eines Anspruchs über die Leistung der Anderen nicht so sehr als über die eigene Kraft. Klassizität bedeutet immer ein Einschließen in Form, ein Abschließen mit sieb und der Sache. Vollendung innerhalb menschlicher Maße bleibt Verengung. Herder wendet sich lieber dahin, wo das Vollendete erst versprochen, wo nichts abgeriegelt wird, wo das Naturhafte neben dem Sittlichen noch freiliegt, noch nicht einging und aufging in die Kunst, sei es der Dichtung, sei es der philosophischen Architektonik. So steigert er das Geringe, schiebt das Aufragende in die Fläche hinein, um die Unabsehbarkeit dieser Fläche nirgends einzuschränken. Es ist wahr, Herder entdeckt hier auch die Humanität Homers und in den Gebilden der griechischen Plastik „anschauliche Kategorien der Menschheit".1) Da geht in ihm eine fordernde Vorstellung voraus, die das Anschauliche wohl einatmet, doch sich nicht daran ersättigt Natur und Sittlichkeit werden aus der Kunst wieder ausgesondert, das Elementare dem Gestalteten in der Auffassung beigeordnet statt eingefügt Die Kunst erhöht dabei den mittleren Stand des Menschentums, sie überragt ihn nicht Wenn Herder einen Denkspruch aus dem Horaz zitiert, erbaulich wie ein schlichter Protestant einen Vers aus den Psalmen, so hat sich Kunst wieder ganz in Religiosität zurückverwandelt Es ist wahr, in den Humanitätsbriefen steigt Leibniz empor über den nutzbaren Betrieb der Wolffischen Schule und über die Selbstsicherheit Kantischer Epigonen. Was Herder zu Leibniz hinzieht, ist die „große unparteiische Jugendseele, die bis ans Ende seiner Tage Alles mit Freuden aufnahm, was irgend der Wissenschaft diente".2) Das verheißene, das nur skizzierte System umspannt mehr als jedes ausgeführte. Der Horizont wird nicht verbaut Herder kennt Höhen wie Tiefen, er erspäht sie an anderen Stellen als die gleichzeitigen Klassiker 3), aber er verweilt da immer nur flüchtig, scheu gleichsam wie vor einem Traumgesicht vor dem Durchbruch seines Genius. Dann eilt er fürbaß mit behenderen Schritten; an der Weite des Ausblicks ist ihm Alles gelegen. Darin aber trifft sich Herders Wesen mit einem Wesentlichen 17» 344- 2) x7, 334- 3) Herder hält den transzendentalen Atem nicht. Dafür ist nicht jeder begabt, und die ihm eigentümliche Begabung wäre an dieser verkümmert. 26* 403