Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Herder und die Humanität
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 402 (sequence 1)
- Language
- German
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Herder und die Humanität Von Robert Arnold Fritzsdie L Wenn wir von Humanität sprechen, denken wir an Herder.1) Doch weder mit jenem Begriffswort noch mit diesem Namen verbindet sich eine so deutliche Vorstellung, wie sie etwa bei der Erinnerung an Lessing und die religiöse Toleranz oder auch an Schiller und das Ideal unmittelbar sich einstellt Was Humanität sei, glauben wir sicher zu fühlen, aber Inhalt und Umfang sind nicht genau begrenzbar, und Herder ist uns ehrwürdig, aber wie ein ferner Ahne; seine Stimme verhallt Vielleicht hilft uns der Charakter die Idee erläutern und die Idee den Charakter. Die „Briefe zu Beförderung der Humanität'' (1793—1797) sind kein klassisches Werk, nicht zwar für den Tag, aber doch durchaus für Zeitgenossen in Fortsetzungen geschrieben. Ihr literarischer Standort liegt unterhalb der in Weimar erreichten Höhe, ihr philosophischer Anhalt findet sich oberhalb der in Königsberg erschlossenen Tiefe, und das nicht deshalb, weil Herder jene wahrzunehmen, diese zu ermessen unvermögend wäre, sondern aus einer Stimmung fast selbstironischen Widerspruchs heraus geschieht es, daß er Lichtwer und Gleim verherrlicht und Goethe und Schiller in die Folge nur einreiht, oder daß er, englischen Moralisten und französischen Aufklärern hingegeben, Kant kaum mehr zuerkennt als den Beweis der sokratischen Wahrheit: „Wir wissen nichts".2) Herder war Goethe entfremdet und auf dem Wege zur Verbitterung gegen!) Ich zitiere Herder nach Band und Seite der Suphanschcn Ausgabe. 2) 17, 4oa (vergl. 18, 328). 402