Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 400

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Jacob und Esau
Date
1927-10-01
Page
400 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895467-2895472-2898167--02188-2898250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ida Lublinski wahr er in des alten Glaubens, während sich der Vater der neuen Anschauung* angeschlossen hat und sie durch seinen Segen zur Wirksamkeit bringen will So wird auch die sonderbare Übereinkunft zwischen den beiden Brüdern verständlicher, der Verkauf des Erstgeburtsrechts um ein Linsengericht Wenn diese bereits ein altes, geheiligtes Recht gewesen wäre, dürfte ein solcher Vorgang kaum möglich gewesen sein. Wir kennen die ursprüngliche Form der Überlieferung nicht mehr, wissen aber, daß sie durch Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende nur mündlich weitergegeben wurde. Es ist verständlich, daß in so langen Zeiträumen sich nicht nur die Lebensverhältnisse sondern auch die Anschauungen ändern können, ja durch neu gewonnene Erkenntnis ändern müssen. Davon wird aber der Inhalt religiöser Überlieferungen nicht beriihrt, weil die Beharrungskraft des Gemütes sich mit großem Konservativismus gegen jede Änderung wehrt Die im religiösen Glauben fest verwurzelte Tradition bleibt heilig, wenn auch ihr Sinn nicht mehr verständlich ist und wird daher durch alle Zeiträume unverändert beibehalten. Auch die Erzählung von Jacob und Esau blieb die alte, obwohl im Laufe der Jahrhunderte die nomadisierenden Hirtenstämme sich in ein seßhaftes, ackerbautreibendes Volk mit festen Wohnsitzen umgewandelt hatten, das mannigfache, oft recht schwere historische Schicksale durchkämpfen mußte. Diese veranlaßten verantwortungsvolle Führer, die religiösen Überlieferungen ihres Volkes zu sammeln und in einem heiligen Buche schriftlich festzuhalten. Dabei mußte es sich zeigen, daß manche Überlieferung nicht mehr richtig verstanden werden konnte. Das Vorrecht der Jüngstgeburt war bei dem seßhaften Volke lange dem Recht der Erstgeburt gewichen, nichts erinnerte an diese uralte Sitte und vergessen waren die früheren Zeremonien der Jünglingsfeiern nomadisierender Hirtenvölker. Man konnte daher den Sinn der heiligen Überlieferung nicht mehr richtig verstehen und mußte aus der eigenen Vorstellungswelt heraus eine Erklärung versuchen. Dadurch wurde eine Umdeutung unvermeidlich, die wohl manchen neuen, feinen menschlichen Zug in die Erzählung brachte, aber leider durch die Unkenntnis der lange verschwundenen Vorstellungswelt in der Hauptsache doch zu einer Entstellung führte. Erst die moderne ethnologische Forschung ermöglicht uns, die alte Bedeutung wieder zu erkennen. Zusammenfassend möchte ich daher die Erzählung von Jacob und Esau in folgender Weise deuten. Sie führt uns in eine vorgeschichtliche Vergangenheit der jüdischen Stämme, in welcher sich auch bei diesen nomadisierenden Hirten in Gefühl 400

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.